Von Karl-Heinz Harenberg

Halifax, im Juni

Abrüstung, so hatten es sich die europäischen Außenminister der Allianz vorgenommen, sollte im Mittelpunkt der Frühjahrstagung im kanadischen Halifax stehen. Sie wollten wieder einmal ein "Signal" aussenden, die Großmächte ermuntern und die Öffentlichkeit beruhigen.

Doch schon auf dem Hinflug mit der Luftwaffen-Boeing 707 stimmte der Bundesaußenminister die begleitenden Journalisten auf Unerfreuliches ein. Und tatsächlich, während Genscher sich auf einem Umweg in New York noch um die wirtschaftlichen Nöte Afrikas sorgte, ließ Präsident Reagan seinen Abschied von der bisherigen Salt-Politik verkünden – zwei Tage, bevor der Nato-Rat in Nova Scotia zusammentrat.

So verzichteten die Amerikaner auf den Versuch, ihre Verbündeten in die Entscheidung über eine neue Salt-Politik einzubinden. Diplomatische Konsultationen vor der Reagan-Erklärung konnten die Außenminister der Allianz nicht darüber hinwegtrösten, daß sie wieder einmal vor vollendete Tatsachen gestellt worden waren. Sie zeigten sich verärgert, ja verbittert.

Die Aktivitäten im Pressezentrum des World Trade and Convention Centre waren entsprechend rege. Noch während die Delegationen hinter verschlossenen Türen im kleinen Kreise diskutierten, wurden Sendboten ausgesucht, um die Journalisten rechtzeitig vor Redaktionsschluß in Europa wissen zu lassen, was sie von der Ankündigung ihrer Schutz- und Führungsmacht hielten: nämlich nichts!

Der niederländische Außenminister van den Broek sprach von einem "alarmierenden Vorgang". Sir Geoffrey Howe aus London ließ wissen, seine Regierung würde es "außerordentlich bedauern", wenn die Vereinigten Staaten ihre Ankündigung wahrmachten und sich nicht mehr an die Vereinbarung mit der Sowjetunion über eine Begrenzung der strategischen Waffen halten würden. Zu diesem Zeitpunkt glaubte allerdings kaum noch jemand, daß Präsident Reagan seine Meinung noch ändern werde.