Von Ulrich Schiller

New York, im Juni

Eine selten gewordene Stimmung beseelte am Sonntagabend die Gemüter im Hochhaus der Vereinten Nationen. Ein Programm zur wirtschaftlichen Gesundung Afrikas hatte nach sechstägiger Sondersitzung der Generalversammlung, nach vielen Reden und Hinter-den-Kulissen-Gesprächen, nach einem Feilen an der Endfassung bis in die Morgenstunden hinein die Zustimmung der UN-Mitglieder gefunden. Die übliche Polemik im Nord-Süd-Dialog zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen war ausgeblieben, selbst der Ost-West-Konflikt in der Dritten Welt spielte nur eine Nebenrolle.

Die Vertreter der afrikanischen Staaten stellten – auch das eine Novität – die Notwendigkeit der eigenen Anstrengungen in den Mittelpunkt des auf den Zeitraum 1986-1990 angelegten Aktionsprogramms – was den Industrienationen das Versprechen leichter machte, flankierend und nach Kräften zur Rettung des ärmsten Kontinents aus dem Teufelskreis von Dürre, Hunger und verfehlter Wirtschaftspolitik beizutragen. "Die wirtschaftliche und soziale Krise Afrikas gefährdet nicht nur den Entwicklungsprozeß afrikanischer Volkswirtschaften, sondern sie ist auch eine direkte Bedrohung für das Überleben von Millionen von Afrikanern", heißt es in der Präambel des Programms. Die Bilder vom Hunger in Äthiopien sind noch nicht vergessen.

Zum ersten Mal befaßte sich die Vollversammlung mit den Wirtschaftsproblemen einer einzelnen Region – auch das eine Folge der Hungerbilder. Nun ist am Sitz der Vereinten Nationen von einer "neuen und echten Partnerschaft" zwischen Afrika und den Industrieländern die Rede, obwohl jeder weiß, daß das so einmütig verabschiedete Wirtschaftsprogramm völkerrechtlich keine bindende Kraft besitzt. Aber es stellt eben doch für alle jetzt folgenden Schritte zur Regelung der Schulden wie zur besser gezielten Wirtschaftshilfe eine wichtige Bezugs- und Berufungsmöglichkeit dar.

Der Schwerpunkt der von den Afrikanern zugesagten Selbsthilfe liegt in der Erhöhung der Agrarproduktion. Mehr und sinnvoller als bisher soll in die Landwirtschaft und gegen weitere Verluste fruchtbaren Bodens an die vorrückende Wüste investiert werden. Selbstkritisch im Blick auf sinnlos vergeudete Entwicklungshilfe für industrielle Prestigeobjekte versprechen die Afrikaner, nunmehr die Infrastrukturen auf dem Lande, die Einkünfte der Bauern und das Erziehungswesen zu verbessern. Sogar die privatwirtschaftliche Initiative soll gefördert und die Verschwendung in den Bürokratien des staatlichen Sektors eingedämmt werden – ein guter Rat, den die westlichen Industrienationen nahezu unisono vorbrachten. Der amerikanische Außenminister Shultz hat zur richtigen Bewertung dessen, was der einzelne leisten kann, die Nachahmung des amerikanischen Beispiels empfohlen, nachdem der stellvertretende Außenminister der Sowjetunion Woronzow vor jeder Beschneidung des "gesellschaftlichen Sektors" dringend gewarnt hatte.

Neu im Wirtschaftsprogramm für Afrika, das auf einem alarmierenden Lagebericht der Organisation Afrikanischer Staaten (OAU) beruht, ist auch die Einsicht der Afrikaner, daß Geburtenkontrolle unumgänglich ist, wenn sich die Schere zwischen Wirtschaftsentwicklung und Bevölkerungszuwachs nicht noch weiter öffnen soll. Die OAU rechnet mit einem Zuwachs von gegenwärtig über 400 Millionen Menschen auf zwei Milliarden im Jahre 2025.