ARD, Donnerstag, 12. Juni, 23 Uhr: "Das Schöne sieht man so schlecht – Bilder/Sprache bei Peter Handke", von Norbert Jochum und Ursula März

Also, das gibt es im Fernsehen doch auch noch. Aber wann? Um Mitternacht. Also für wen? Für wie wenige? Mutlos schiebt die ARD einen Film, der Mut hat (und macht) zu neuem Sehen, in die Dunkelkammer des Nachtkabinetts.

Da machen ein paar Leute (Norbert Jochum, Ursula März, Ingo Kratisch und der Filmredakteur des WDR: Helmut Merker) einen Film, der nicht auch im Halbschlaf anzuglotzen ist, der mit dem Medium Fernseh-Film selber spielt, der (Selbst-)Kritik lässig mitliefert – und schon landet er im Kulturgetto des deutschen Fernsehens, in der Geisterstund’.

Nicht gleich abschalten in den ersten zehn, fünfzehn Minuten: Jochum dokumentiert mit der Ehrlichkeit eines Menschen, der einen anderen (vor Kamera, vor Mikrophon) zum Reden bringen will, die Anfangsschwierigkeiten jedes Gesprächs, das mehr sein will als Austausch von Plapperfloskeln. Wenn die beiden da einander gegenübersitzen an einem Tisch im sommerlichen Garten, im Profil der fast unhörbar leise Frager, en face der Antworter, denkt man schon mal an die kostbare Formulierung aus dem bekannten Nonsense-Gedicht: "schweigend ins Gespräch vertieft".

Doch solche Behutsamkeit, Langsamkeit, Ruhe eines Filmes, der sich jeden Gegenschnitt verbietet, zahlt sich bald aus. Denn wovon, schließlich, ist die Rede? Vom Schweigen in Filmen des amerikanischen Regisseurs John Ford; von "ersten Bildern" in Filmen von Murnau, die als "erste" aus dem Dunkel erinnert und hervorgehoben werden wollen; vom Erzählen, das eben nicht flott von den Lippen läuft, sondern zögernd, stockend, manche Sätze dem Zuhörer zur Vollendung überlassend.

Der Schriftsteller Handke hat ein paar Filme geschrieben, angeregt oder selber gedreht: "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1972), "Falsche Bewegung" (1975), "Die linkshändige Frau" (1978), "Das Mal des Todes" (1985). Und doch sagt er, das Kino habe für ihn seine Faszination verloren? Ja, so ist dieser Film: Ständig widerspricht er sich selber. So macht er aus Zuschauern kritische Komplizen. Stimmt denn, was Handke sagt? Hat er nicht gerade mit seinem neuen Film, "Mal des Todes" (nach einer Erzählung von Marguerite Duras), sich den Film auf neue, bis zur Selbstparodie lockere Art vertraut gemacht?

Prompt gibt es die große Krise – wie in jedem besseren Interview. Der Ausgefragte verweigert sich. Anders als in den üblichen Plauderfilmen werden diese Passagen nicht rausgeschnitten, sondern – Verständnis fördernd – einfach mitgesendet. Da ist denn Handke mal auch ohne Kopf vor der starren Kamera zu sehen. Man hört ihn gegen den "Scheißfilm" wettern. Er kritisiert seine bisherigen Äußerungen, wird nachdenklich ("Ich möchte was Richtiges sagen, was Neues denken"), grinst in die Kamera, sagt tapfer: "Probier’n mir’s halt noch amol."