Es scheint irgendwie zum berufsspezifischen Biorhythmus zu gehören: Alle paar Jahre verlassen die sonst einsiedelnden Künstler ihre Ateliers, Lofts und Studios, strömen auf Geheiß von überallher zusammen und proben, nein, nicht den Aufstand, sondern das Selbstvertrauen. Kunstaspiranten und Kunstlehrer, Kunstvermittler und Kunstbeamte finden sich bei meist referatreich programmierten Kongressen zu gegenseitiger Bestärkung ein und lassen sich zum Beispiel vom Frankfurter Kunstprofessor Raimer Jochims versichern, daß "die Bilder von heute die Taten von morgen" seien.

Nach Karlsruhe eingeladen hatte diesmal der umtriebige Bildhauer Otto Herbert Hajek, und seine Fangfrage war "Werden die Akademien in unserer Zeit verdrängt?" Die Kollegen kamen in erstaunlicher Zahl, was entweder für ihren Ermunterungsbedarf spricht oder für die Dringlichkeit des Themas – das sich denn auch gleich in etwas rätselhaft sinnlicher Gestalt anbot. Wie nämlich um der Frage nach dem Akademieschicksal eine illustrierende Antwort vorweg zu geben, hatte sich Hajek von der eigenen Akademie verdrängen lassen. Rektor und Senat hatten ihm aus nicht näher erläuterten Gründen untersagt, zur Diskussion über die Akademie die Akademie zu benützen. Ein Kasus, der den viertägigen Konvent dann allerdings nicht weiter beschäftigen sollte. War er doch auch zu beschäftigt mit seiner opulenten Tagesordnung. Die kreiste in weiten Bögen um ihr Leitproblem und gab den verschiedensten Interessenvertretern Anlaß zu den verschiedensten Darlegungen und Bekenntnissen, die dem treuen Gast von Künstlerkongressen schon vertraut vorkamen. Anlaß auch zur sich immerfort aufbäumenden Überzeugtheit von der zeit- und raumspendenden Bedeutung künstlerischer Arbeit. Wenn Raimer Jochims, an Tschernobyl denkt und an all das Ungemach des Erdenkreises, dann steht ihm gleich trutzig der Sinn nach Kunst. Und die ehrwürdigen Akademien mag er sich nicht anders vorstellen denn als "hohe Schulen des Lebens".

Es muß wahrlich hehr und herrlich zugehen an diesen staatlichen Pflanzstätten, wenn man den Mannesworten glauben darf, die dem Tagungsthema Kränze wanden. Kein Wort darüber, daß zum Beispiel die Ernennung eines Künstlers zum Akademieprofessor selten abhängt von dessen Lehrbefähigung. Und kein Wort über die Studentenklage, daß die bestallten Professoren ihre Präsenzpflicht zuweilen recht großzügig auszulegen pflegen. Dafür der feierliche Selbstanspruch, in vornehmster Linie für die Bildung des Menschengeschlechts zuständig zu sein und erst dann für die künstlerische Ausbildung der Schutzbefohlenen. Ganz zum Schluß vermochte der Oldenburger Kunstwissenschaftler Rudolf zur Lippe wenigstens ein bißchen Luft aus dem prall aufgeblasenen Selbstverständnis zu lassen. Die Akademien sollten ihre kunstpädagogischen Anstrengungen sinnvoller darauf konzentrieren, daß ihre Schüler "in den Übergängen von Kunst und Leben immer häufiger wohl auch neben einem anderen Beruf oder mit ihm arbeiten werden".

Hans-Joachim Müller