ARD, Sonntag, 1. Juni: "Mit amerikanischen Augen. US-Reporter in der Bundesrepublik", Reportage von Wolfgang Korruhn.

Terrorismus, Terrorismus, Terrorismus: Etwas anderes, darf man dieser aufschlußreichen Sendung glauben, scheint die amerikanischen Medien kaum zu interessieren, wenn sie aus Deutschland berichten. Im Mai, als Wolfgang Korruhn für seine Reportage amerikanische Fernseh- und Zeitungsjournalisten über ihre Deutschlandberichterstattung befragte, waren der Anschlag auf die Berliner La Beile-Diskothek und der US-Vergeltungsschlag gegen Libyen noch frisch. Aber der Hunger amerikanischer Fernsehgesellschaften und auch Zeitungen nach Schreckensbildern und Angstberichten nahm doch offenbar solche Formen an, daß den in Deutschland tätigen US-Journalisten manchmal nicht mehr ganz geheuer dabei war. "Ja", gab einer zu, "Artikel zum Thema Terrorismus und Terrorismusangst lassen sich jetzt sehr gut verkaufen." Ein anderer, tätig für einen New Yorker Fernsehgiganten: "Blut, Schweiß und Tränen ... Katastrophen", das seien doch ohnehin "die Nachrichten". Professionell angetörnt berichtet er, wie ihr Team unmittelbar nach dem Anschlag im Frankfurter Flughafen Aufnahmen machen konnte, die ihnen den Magen umdrehten. In den New Yorker Fernsehzentralen wird das gewünscht – selten etwas anderes.

Die in Deutschland arbeitenden amerikanischen Journalisten machten kein Hehl daraus, daß Deutschland mit anderen Themen in den amerikanischen Medien kaum vorkommt. Die Arbeitsbedingungen sind überdies sehr eingeschränkt. Man staunt, daß die riesigen US-Fernsehgesellschaften meist nur provisorische Büros in Deutschland unterhalten, andererseits verständlich, wenn man dann hört, daß nur zehn, zwölf Beiträge im Jahr aus Deutschland in die amerikanischen Nachrichtensendungen gelangen. Keiner dieser Beiträge ist länger als zwei Minuten. Unmöglich, da Zusammenhänge klarzumachen, Hintergrundinformationen zu geben.

Was sehen die amerikanischen Fernsehzuschauer, abgesehen von Terroranschlägen, außer den Bildern, die scharf bewachte US-Botschaften in der Bundesrepublik zeigen, außer Szenen von Erste-Hilfe-Übungen ihrer in Deutschland stationierten Soldaten? Ihnen werden junge Neo-Nazis mit Hakenkreuzfahnen und Hitlerbärtchen vorgeführt und Maßkrüge stemmende Bayern auf dem Oktoberfest. In Großaufnahme. Tom Fenton, ein in London ansässiger Korrespondent der Gesellschaft CBS, der auch für die Bundesrepublik zuständig ist, äußerte sich mit unübertrefflich trockenem Sarkasmus zum Thema Deutschland im amerikanischen Fernsehen: Der amerikanische Fernsehzuschauer wüßte "fast nichts" über Deutschland. Ein fremdes, fernes Land. Die Hälfte der Amerikaner halten die Bundesrepublik für eine Monarchie. Fenton: Erstaunlich, daß das nur so wenige glauben.

Wer die New York Times regelmäßig liest, macht die Erfahrung, daß in dieser großen Zeitung manchmal einen ganzen Monat lang keine einzige Zeile über die Bundesrepublik steht. Der Korrespondent dieses Blattes in Bonn äußerte sich in der Sendung dazu nüchtern und ernüchternd. Aber was er sagte, leuchtete auch ein. Wir Deutsche krankten an Selbstüberschätzung: Weil wir alles, was in Amerika geschieht, was von Amerika kommt, so überaus wichtig nehmen, denken wir, umgekehrt müßten wir für die Amerikaner genauso wichtig sein.

Siegfried Schober