Von Horst Vetten

Wenn alle schon ein bißchen high sind, abends in der "Cantina" in Mexikos Luxushotel Camino Real, dann schluchzen die Mariachi dermaßen ihr "Rukukukuku", daß Marmor, Stein und Eisen brechen. Es werden Augen feucht, mexikanische sowieso, und die der Touristen gleichfalls. Denn dies, folgen sie dem täglich neu aufs äußerste bewegten Vorsänger, ist nun einmal jenes Mexi-i-i-iko-no-o, das sie alle meinen.

Die Machos sind in all den Jahren auch nicht weniger geworden. Machos sind Machos ganz bewußt und zugleich ganz unbewußt. Ganz bewußt schreiten sie mit großer Gebärde und erhobener Hand aufeinander zu: Alle sollen sehen, hier begegnen einander außergewöhnliche Exemplare mexikanischer Amigos. Handklatsch. Es sinken die Köpfe auf die Schultern, es sammeln sich die Gesichtszüge, es hebt ein rhythmisches Klopfen auf die Rückenpartien an, und wenn es mehr als fünfmal ist, kriegt man schon wieder das mit den Augen.

Dann lassen sich die Caballeros nieder, ordnen ganz unbewußt die Beinkleider mit den stets frischen Bügelfalten, hauchen gänzlich unbewußt, aber abgezirkelt Rauchringe in die Luft und feuern ab und zu aus beträchtlicher Entfernung Erdnußkerne zwischen die Zahnreihen. Völlig unbewußt lauter Treffer.

Mexikaner sein, Mexiko lieben, mexikanisch leben, das muß ein Stück vom Himmel sein. Schulden? Von Schulden redet man nicht, Schulden hat man. Smog, Dreck, Montezumas Rache? Überwiegend Erfindungen hygieneüberkandidelter Amerikaner oder verweichlichter Europäer. Der Mexikaner lebt doch auch hier und ißt und trinkt und verdaut! Sie könnten die Luft sehen, die sie atmen? Und was ist mit Los Angeles? Und Detroit? Turin? Nagoya? Tschernobyl? Es ereifert sich unsere Nachbarin auf dem Barschemel in der "Cantina", daß ihr Ohrgehänge klimpert: "Mit jedem Satz beleidigen mich die Gringos. Mit jedem Satz. Und sie merken es nicht einmal."

Gringos kapieren gar nichts. Gringos waren früher fast ausschließlich reiche, ahnungslose Amerikaner. Heute gilt das auch für andere Ausländer, vor allem für Deutsche, vor allem wiederum für Fußballdeutsche, die gemeinhin noch ein wenig deutscher sind. Sie wollen, wo immer sie auch hinreisen, Deutschland und Deutsches vorfinden. "Brot, schwarzes Vollkornbrot, und Klopapier brachten sie mit", entrüstet sich die Patriotin, "aber ihre Atmungsgeräte hatten sie vergessen, und da machten sie sich über unsere sanitären Bedingungen lustig."