Die Amsel ist so bekannt, daß man ihr Aussehen nicht beschreiben muß. Während der Spatz noch verwechselt werden kann, mit der Heckenbraunelle beispielsweise, ist die Amsel in ihrem schwarzen Kleid mit dem gelben Schnabel unverwechselbar. Ist sie es wirklich?

In Wahrheit ist die Amsel eine Drossel, die Schwarzdrossel nämlich. Heinroth schreibt: "Drosseln gibt es in einer Unzahl von Arten fast auf der ganzen Erde." Besonders schöne sind in Sibirien zu Hause. Bei uns gibt es fünf, die Schwarzdrossel, die Singdrossel, die Misteldrossel, die Wacholderdrossel und die Ringamsel oder Ringdrossel. Zu den Drosselvögeln zählen aber auch Steinschmätzer, Rotschwänze, die Nachtigall, das Rotkehlchen und andere; es ist ähnlich wie bei den Finkenvögeln, in deren Familie Kernbeißer, Stieglitz und Dompfaff gehören.

Die Schwarzdrossel gibt es in drei Ausgaben: Das Männchen ist schwarz gefärbt und hat einen gelben Schnabel, das Weibchen ist braun, mit hellerer Kehle, gefleckter Brust und einem dunklen Schnabel, während die Jungvögel dem Weibchen ähneln, doch mit rötlicherem Gefieder. Vor hundert Jahren war die Schwarzdrossel noch überwiegend ein Waldvogel, heute ist sie selbst in den Zentren von Großstädten heimisch, wo sie in Balkonkästen, in Mauernischen nistet, natürlich auch in Gärten, in denen es Hecken oder Gebüsch gibt und Fichten oder Tannen.

Während die Schwarzdrossel ein heimischer Vogel ist, wenn auch, mit Ausnahme alter Vögel, nicht immer standorttreu, sind alle anderen Drosseln Zugvögel, die im südlicheren Westeuropa und in den Mittelmeerländern überwintern. In milden Wintern sind Singdrosseln, vor allem aber Wacholderdrosseln, auch in Mitteleuropa anzutreffen.

Die Singdrossel ist mit etwa 20 Zentimeter Länge fünf Zentimeter kleiner als die Schwarzdrossel, hat auch einen kürzeren Schwanz, aber mit ihren 35 Zentimetern Flügelspanne kommt sie ihrer größeren Schwester gleich, was bedeutet: Sie ist der bessere Flieger. Oft schon in den ersten Märztagen trifft die Singdrossel bei uns ein. Auf den Spitzen der noch kahlen Bäume sitzend, beginnt sie in der Morgendämmerung mit ihrem Gesang, der an Kraft und Fabulierlust dem der Nachtigall nahekommt.

Wer ihr von März bis Juni zuhört, erkennt, daß sie nach zögernden Vesuchen sich fast von Tag zu Tag steigert und daß ihr Lied mit der steigenden Sonne an Kraft, Ausdruck und Schönheit gewinnt. Auch die Singdrossel ist zu einem Gartenvogel geworden. Während die Schwarzdrossel in der Wahl des Nistplatzes wenig wählerisch ist und oft ein eher schlampiges Nest baut – ich habe welche gesehen, in denen Folienreste von Zigarettenpackungen eingeflochten waren –, baut die Singdrossel ihr Nest am liebsten in etwa fünf Meter hohe Fichten oder Kiefern. Das Nest ist rund und innen wie mit Lehm ausgeschmiert, einer Mischung aus Erde und Speichel, glatt und hart.

Im Gegensatz zur Singdrossel ist die Misteldrossel, die mit der Singdrossel verwechselt werden kann, obwohl sie größer ist, überwiegend Waldvogel geblieben. Ihr Nest baut sie hoch oben in den Baumkronen, oft auch in Eichen und Buchen. Sie ist kein großer Sänger, und sie kommt bei weitem nicht so oft vor wie die Singdrossel, von der Schwarzdrossel ganz zu schweigen. Gleiches gilt für die Ringdrossel, die eine Schwester der Schwarzdrossel ist, leicht erkennbar an dem weißen Brustschild. Im Flachland ist sie eigentlich nur auf dem Zuge zu beobachten.