Berlin, Cannes, Locarno, Venedig, Hof, San Sebastian, London, New York, Edinburgh, Rio de Janeiro, Los Angeles, Montreal, Pula, Taormina, Pesaro, München, Deauville, Chicago, Cork, Moskau, Tokio ... die Welt ist voller Filmfestspiele. Wer dort war und nicht immer nur ausschließlich auf die Leinwand guckte, erinnert sich an das spektakuläre Kino mit Schiebedach in Taormina: Man betrachtete abwechselnd die schönen Bilder aus der Gegend um Parma in einem Bertolucci-Film und den strahlend dunkelblauen Sternenhimmel in der Sommernacht über einem. Im Herbst in Edinburgh: Da war es so klamm, daß man mit Wolldecken und Whisky im Kino hockte; und aus einem Horrorfilm, dessen exzentrischer junger Regisseur sich umgebracht hatte, tappte man weit nach Mitternacht in den Nebel der mittelalterlichen Stadt. Auf Festspielen werden die Filme atmosphärisch aufgeladen – wenn man dieselben Filme später zu Hause noch einmal sieht, kommen sie einem oft sonderbar erkaltet vor. Das internationale Gewusel, das Nationendurcheinander, das ja auch ein Babylon der Sensibilitäten schafft, es führt zu wunderbar irregulären Verhältnissen.

Ihre besten Zeiten hatten die Filmfestivals in den sechziger und frühen siebziger Jahren, als sie unter kulturrevolutionären Einflüssen standen. Es schadet nicht, ein bißchen erinnerungsselig zu werden. Zum Beispiel Pesaro, kleines Städtchen an der Adria, nicht besonders hübsch, lebt von der Schuhfabrikation, kommunistisch regiert, im Spätsommer Veranstalter eines Filmfestivals, das Eingeweihten ein paar Jahre lang als das aufregendste der Welt galt. Künstlerische Avantgarde und politisches Engagement, in dem bescheidenen Kino mit den knochenharten Stühlen an der Provinz-Piazza kam das zusammen, damals, um 68. Das Kino war um ein Vielfaches kosmopolitischer, auch exotischer, als heute in der Ära der weltumspannenden und die ganze Welt zusammenklingenden Medien. Es gab Richtungen über Richtungen, Sub-Subkulturen und Untergründe unter dem Underground, Kunst und Anti-Kunst. Es ging viel hervor, aber viel verging. Damals mußte man nach Pesaro, heute fährt kaum noch jemand hin. Die Avantgarde hat Staub angesetzt. Was ist das Neue?

Daß das seinerzeit so sonnenklar war, was neu ist, was man als Neues haben wollte, und heute überhaupt nicht mehr, hat manches ambitionierte Festival ins Schleudern gebracht, so Venedig, so die Berlinale. Die Entdeckerlust ist vergangen, andere Sehnsüchte werden: laut, nach Solidem, nach tiefgründiger, aber auch kulinarischer Welterklärung – und andererseits: das Bedürfnis nach Unterhaltung, Klamauk und Klamotte. Cannes hat das alles geliefert in diesem Jahr. Das Festival war ein perfekt durchorganisierter Zirkus, es entsprach dem Drang der Franzosen, in die totale Medienzukunft zu stürmen, Kunst und Kommerz raffiniert zu versöhnen – "soft revolution" nennen es ihre smarten jungen "Neuen Philosophen", von denen nicht wenige der 68er Bewegung entstammen.

In Venedig gestaltete man ein mit Spitzen-Unterhaltungsfilmen und Musikvideos bestücktes Nebenprogramm, "Junges Venedig", das für viele Festivalbesucher die Hauptsache ist und fühlbar den Stimmungspegel hebt. Nur in Berlin, auf der diesjährigen Berlinale, wurden traditionsgemäß wieder die Schlafpillen aus aller Herren Länder verabreicht. In der Stadt, in der die Spatzen den Zeitgeist am lautesten von den Dächern pfeifen, weiß das Filmfestival von nichts und kürt, während aus den Walkmans Tina Turner und Madonna schallen, Oma Gina Lollobrigida zur Jurypräsidentin.

Wenn jetzt in Berlin über einen neuen Festivalchef nachgedacht wird, über einen möglichen Nachfolger des ungeschickten Moritz de Hadeln, wünscht der Festivalfan treulos viel Glück und schnürt sein Bündel. Auf ihn wartet die Welt – und sein Traum wäre ohnehin, daß Hof, der Ort im Fränkischen, zum Bayreuth des Films würde.

Siegfried Schober