Von Joachim Riedl

Gemessenen Schritts erklomm der großdeutsche Abgeordnete Jiratschek das Rednerpult im Wiener Parlament, heftiges Schluchzen schnürte seine Stimme ab, ergriffen rief er schließlich in den Saal: "Wotan weilt unter uns!"

Soeben hatte der österreichische Bundeskanzler Doktor Schwertfeger die Verfassungsänderung zur "Ausweisung der nichtarischen, deutlicher gesagt, der jüdischen Bevölkerung" verkündet. "Entweder wir oder die Juden!" donnerte die Stimme des Kanzlers: "Ist nicht auch der Rosenkäfer ein an sich schönes, wertvolles Geschöpf, und wird er von dem sorgsamen Gärtner nicht trotzdem vertilgt, weil ihm die Rose nähersteht als der Käfer?" Land und Leute jubelten; ein stiller, endlos langer Zug Vertriebener verließ die Stadt.

So stellte sich der erfolgreiche Wiener Schriftsteller und Journalist Hugo Bettauer bereits 1922 in dem satirischen Roman "Stadt ohne Juden" die "Lösung der Judenfrage" vor. Seit vielen Jahrzehnten hatten das die österreichischen Antisemiten herbeigesehnt; im untergehenden Reich der Habsburger-Monarchie ebenso wie im krisengeschüttelten Restösterreich der Ersten Republik. Politiker, Journalisten und Versammlungsredner, eine heillos zerstrittene und dennoch im Judenhaß geeinte Koalition, aus christlichsozialen Kleinbürgern, vaterländischen Vereinsführern, treudeutschen Volkspfarrern, antiklerikalen Alldeutschen, großdeutschen Landaristokraten und rebellierenden Provinzgelehrten schürte unermüdlich die Hetzpropaganda. Selbst die österreichische Arbeiterbewegung war nicht frei von antisemitischen Reflexen.

Judenhaß, das war nach der kläglichen Niederlage des österreichischen Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die schärfste und auch stets griffbereite Waffe in den politischen Kämpfen des überlebensverzagten Landes – gleichgültig, welcher Konflikt ausgetragen wurde. Mark Twain, der 1897 im Wiener Reichsrat den Tumult beim Sturz der Regierung miterlebte, notierte amüsiert: "Es sind keine Juden anwesend, Juden haben mit der Sache nichts zu schaffen, und dennoch werden sie für alles verantwortlich gemacht."

Doch mit antisemitischen Parolen konnten die Parteien, aber auch die katholische Kirche, ihr Fußvolk mobilisieren und die Wortführer, der "schöne Karl" oder der "heilige Ritter Georg", erwarben sich die Bewunderung der kleinen Leute. Die Vielvölkermetropole Wien, Zentrum eines Staates, der zwölf Nationen vereinigte, war – lange bevor Adolf Hitler seine "Wiener Lehr- und Leidensjahre" (1908-1913) antrat – eine Wiege des politischen Antisemitismus und geistiger Nährboden der nationalsozialistischen Massenmörder.

Es ist dies das häßliche Geheimnis des modernen Österreich, daß Hitlers Lehrer im Wien der Jahrhundertwende bereits erdacht und ausgesprochen hatten, was der Declasse aus Braunau am Inn in die Tat umsetzen sollte. Sie sind die Gedankentäter, die Hitler und seinen österreichischen Kameraden ihr ideologisches Rüstzeug mit auf den Weg gaben. Der Rest der verdrängten österreichischen Geschichte ist eine Konsequenz davon: daß überdurchschnittlich viele Österreicher in der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches Schuld auf sich luden; daß sich die Alpenrepublik nach 1945 in der Pose des Opfers heimlich aus der Verantwortung fortgestohlen hat; daß der verhohlene Antisemitismus, bis hin zu den Ereignissen um die Wahlkampagne von Kurt Waldheim, unausrottbar erscheint.