Hitlers Lehrmeister – Seite 1

Von Joachim Riedl

Gemessenen Schritts erklomm der großdeutsche Abgeordnete Jiratschek das Rednerpult im Wiener Parlament, heftiges Schluchzen schnürte seine Stimme ab, ergriffen rief er schließlich in den Saal: "Wotan weilt unter uns!"

Soeben hatte der österreichische Bundeskanzler Doktor Schwertfeger die Verfassungsänderung zur "Ausweisung der nichtarischen, deutlicher gesagt, der jüdischen Bevölkerung" verkündet. "Entweder wir oder die Juden!" donnerte die Stimme des Kanzlers: "Ist nicht auch der Rosenkäfer ein an sich schönes, wertvolles Geschöpf, und wird er von dem sorgsamen Gärtner nicht trotzdem vertilgt, weil ihm die Rose nähersteht als der Käfer?" Land und Leute jubelten; ein stiller, endlos langer Zug Vertriebener verließ die Stadt.

So stellte sich der erfolgreiche Wiener Schriftsteller und Journalist Hugo Bettauer bereits 1922 in dem satirischen Roman "Stadt ohne Juden" die "Lösung der Judenfrage" vor. Seit vielen Jahrzehnten hatten das die österreichischen Antisemiten herbeigesehnt; im untergehenden Reich der Habsburger-Monarchie ebenso wie im krisengeschüttelten Restösterreich der Ersten Republik. Politiker, Journalisten und Versammlungsredner, eine heillos zerstrittene und dennoch im Judenhaß geeinte Koalition, aus christlichsozialen Kleinbürgern, vaterländischen Vereinsführern, treudeutschen Volkspfarrern, antiklerikalen Alldeutschen, großdeutschen Landaristokraten und rebellierenden Provinzgelehrten schürte unermüdlich die Hetzpropaganda. Selbst die österreichische Arbeiterbewegung war nicht frei von antisemitischen Reflexen.

Judenhaß, das war nach der kläglichen Niederlage des österreichischen Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die schärfste und auch stets griffbereite Waffe in den politischen Kämpfen des überlebensverzagten Landes – gleichgültig, welcher Konflikt ausgetragen wurde. Mark Twain, der 1897 im Wiener Reichsrat den Tumult beim Sturz der Regierung miterlebte, notierte amüsiert: "Es sind keine Juden anwesend, Juden haben mit der Sache nichts zu schaffen, und dennoch werden sie für alles verantwortlich gemacht."

Doch mit antisemitischen Parolen konnten die Parteien, aber auch die katholische Kirche, ihr Fußvolk mobilisieren und die Wortführer, der "schöne Karl" oder der "heilige Ritter Georg", erwarben sich die Bewunderung der kleinen Leute. Die Vielvölkermetropole Wien, Zentrum eines Staates, der zwölf Nationen vereinigte, war – lange bevor Adolf Hitler seine "Wiener Lehr- und Leidensjahre" (1908-1913) antrat – eine Wiege des politischen Antisemitismus und geistiger Nährboden der nationalsozialistischen Massenmörder.

Es ist dies das häßliche Geheimnis des modernen Österreich, daß Hitlers Lehrer im Wien der Jahrhundertwende bereits erdacht und ausgesprochen hatten, was der Declasse aus Braunau am Inn in die Tat umsetzen sollte. Sie sind die Gedankentäter, die Hitler und seinen österreichischen Kameraden ihr ideologisches Rüstzeug mit auf den Weg gaben. Der Rest der verdrängten österreichischen Geschichte ist eine Konsequenz davon: daß überdurchschnittlich viele Österreicher in der Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches Schuld auf sich luden; daß sich die Alpenrepublik nach 1945 in der Pose des Opfers heimlich aus der Verantwortung fortgestohlen hat; daß der verhohlene Antisemitismus, bis hin zu den Ereignissen um die Wahlkampagne von Kurt Waldheim, unausrottbar erscheint.

Hitlers Lehrmeister – Seite 2

Immer wieder ist Wien der Ausgangspunkt. Adolf Hitler selbst hat das keineswegs geleugnet. In "Mein Kampf" schrieb er: "In dieser Zeit bildete sich in mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurde. Ich habe zu dem, was ich einst mir so schuf, nur weniges hinzulernen gemußt, zu ändern brauchte ich nichts ... Wien aber war und blieb für mich die schwerste, wenn auch gründlichste Schule meines Lebens."

Der verstorbene Historiker Friedrich Heer rekonstruierte in einer umfangreichen "Anatomie einer politischen Religiosität" ("Der Glaube des Adolf Hitler") minutiös, wie selbst die aberwitzigsten Phantastereien österreichischer Antisemiten bei Hitler ihren Niederschlag und in ihm ihren Vollstrecker fanden. Seine Persönlichkeit, so behauptete Heer, verrät "bis in ihre letzten Erdentage die Prägungen und Eindrücke ... die der junge Hitler in sich aufnahm: begierig wie ein Schwamm, mit einem enormen Haftvermögen."

Wien, die Stadt ohne Juden, wie sie der Schriftsteller Bettauer geschildert hatte – das war 1922, im Erscheinungsjahr des Romans, eine gespenstische Vision. Knapp 220 000 Juden, zehn Prozent der Bevölkerung, lebten damals in Wien – schtetl-Juden, die mittellosen Flüchtlinge aus den verlorengegangenen Ostprovinzen der Monarchie, Handwerker, Händler, Intellektuelle, Künstler, Großbürger; sie alle prägten das Erscheinungsbild der Stadt, die für kurze Zeit zum Zentrum der Diaspora geworden war. Bettauer prophezeite der Stadt, was ein "judenfreies" Wien zu erwarten hatte: es "verdorft".

Der schmale Band wurde binnen kurzer Zeit zu einem gigantischen Erfolg: Zu genau hatte Bettauer den Tenor der Zeit getroffen, zu deutlich waren die kaum verschlüsselten Figuren wiederzuerkennen, zu klar das Echo der Zitate aus der antisemitischen Praxis ...

Der Autor bezahlte seine Provokation mit dem Leben. Er war das erste jüdische Opfer, das die "Hakenkreuzler", wie die Österreicher anfänglich ihre Nationalsozialisten nannten, ermordeten. Am 10. März 1925 betrat der Zahntechniker Otto Rothstock das Arbeitszimmer des populären Publizisten und tötete "den schmierenden Saujud" mit fünf Schüssen aus seiner Pistole. Der Prozeß gegen den Mörder geriet zur antisemitischen Demonstration. Rothstock berief sich darauf, arischer Zorn habe ihn "zur Gänze der Sinne beraubt". Das Gericht sprach ihn frei; nach 20 Monaten wurde er aus einer psychiatrischen Klinik entlassen und zog nach Deutschland.

Die "Stadt ohne Juden" blieb unvergessen. Am 30. November 1938, acht Monate nach dem "Anschluß", beging Wien erstmals den "Tag der nationalen Solidarität"; über die verbliebenen Juden – 50 000 hatten die Stadt bereits verlassen müssen – wurde ein Ausgehverbot verhängt. Der Völkische Beobachter gedachte an diesem Tag des ermordeten Schriftstellers: "Ein ahnungsloser Engel", höhnte der erste Gauleiter von Wien.

Nun wurden die alten Drohungen wahr, die "dröhnenden Akkorde eines nationalen Gebets" (Joseph Goebbels im Großdeutschen Rundfunk über den Einzug Hitlers in Wien) wurden erhört, der "unerbittliche Kampf gegen Alljuda in der Ostmark" (Stürmer) hatte begonnen. Bereits am 23. März 1938 meldete die New York Times aus Wien: "In den ersten 14 Tagen ist es den Nationalsozialisten hier gelungen, die Juden einem unendlich härteren Regime zu unterwerfen, als das in Deutschland in Jahren möglich war."

Hitlers Lehrmeister – Seite 3

Der Wiener Boden war freilich von Generationen von Antisemiten aller Schattierungen vorbereitet worden. Zuerst hatte die katholische Kirche den Antisemitismus als politisches Instrument im Kampf gegen den Zentralismus des Habsburger Herrscherhauses entdeckt. Die jüdische Bevölkerung der österreichisch-ungarischen Monarchie erblickte seit dem Toleranzpatent des aufgeklärten Joseph II. in den Kaisern ihren obersten Schutzherrn, dem sie sich in unerschütterlicher Loyalität verbunden fühlte. Vor allem der philosemitische Franz Joseph I. wurde von seinen hungernden Untertanen in der jüdisch-galizischen Grenzprovinz mit nahezu kindlicher Bewunderung verehrt. Der Dichter Joseph Roth beispielsweise, aus der Grenzstadt Brody gebürtig, bewahrte sich sein Leben lang einen schwärmerischen, romantischen Monarchismus; fern jeglicher Realität, sah er nur in der patriarchalischen Staatsidee des greisen Landesvaters Rettung vor der antisemitischen Bedrohung und dem Untergang im Nationalsozialismus.

In gleichem Maß jedoch, in dem in der liberalen Epoche die Macht der katholischen Kirche zurückgedrängt wurde, nutzten die klerikalen Kräfte der Monarchie – mit stillschweigender Unterstützung des Vatikans – den Judenhaß für ihre politische Agitation. Die liberale Partei wurde in Österreich immer mit dem jüdischen Großbürgertum gleichgesetzt. Nun wurde den Juden die Schuld an allen Krisen des Habsburger Reiches zugeschoben. Es entstand eine unausrottbare Dolchstoßlegende: Die liberalen, jüdischen Berater des Kaisers hätten den Niedergang der Monarchie zu verantworten.

Der kaiserliche Diplomat Julius von Stepski etwa, ein Großdeutscher, der unter anderem k. k. Konsul in Port Said war, bediente sich dieser antisemitischen Flüsterpropaganda in seiner Autobiographie "Geschichte und Intrige" (Wien, 1940). Er beschrieb darin die Tarockabende Franz Josephs im Haus der Hofschauspielerin Katharina Schratt, "bei denen der Kaiser gewohnheitsmäßig mit Juden zusammenkam". Dadurch, so Stepski, kam es zu einem "Einbruch der jüdischen Mentalität", zu "intellektueller Verseuchung" und zur "selbstverständlich immer bestrittenen geistigen Verjudung, die vielfach auch zu blutsmäßiger Bastardisierung führte".

So "war es beispielsweise möglich, daß unter den ganz jungen Diplomaten, die am Ballhausplatz das bewußte Ultimatum an Serbien ausklügelten (das nach dem Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs geführt hatte, Anm.), sich ein gräflicher Halbjude und zwei geadelte Volljuden befanden. Einer von ihnen hatte sogar die allerhöchste Genehmigung erhalten, den Staatsbeamteneid statt auf das Kruzifix auf die Thora schwören zu dürfen".

Gegen das liberale "jüdische" Bürgertum formierte sich von 1870 an verstärkt eine klerikal-feudale Opposition, die innerhalb kurzer Zeit die Macht übernahm. Nach zahllosen Fraktionierungen und Richtungskämpfen wuchs daraus die christlichsoziale Partei des Volkstribunen Karl Lueger, als "schöner Karl" der Abgott der Wiener Kleinbürger. Zwar warnte noch einer der Väter der Partei, Karl von Vogelsang, dessen katholische Soziallehre in die päpstliche Enzyklika Rerum novarum Aufnahme fand, vor den rabiaten antisemitischen Tönen, die überall begeisterten Wiederhall fanden, doch seine Schüler und Mitstreiter kümmerte das wenig. Der Parteifunktionär Ernest Schneider forderte bald ein "Schußgeld für Juden". Der Vogelsang-Schüler Anton Orel erkannte, daß "der Jude überall als Träger, Verbreiter und Führer aller zersetzenden Bestrebungen auftritt... deshalb wird der große Kampf zwischen Recht und Unrecht ... ein Kampf zwischen Christentum und Judentum". Der Wiener Volksprediger Josef Deckert, populär als "Pfarrer von Weinhaus", ging einen Schritt weiter: "Die Juden müssen für die christlichen Völker unschädlich gemacht werden", die Emanzipation der Juden müsse zurückgenommen werden. Der "tapfere Gottesstreiter" hetzte von seiner Vorstadtkanzel gegen Ritualmörder, Blutsauger, ewige Sheylock-Naturen, – selbst der Rassenantisemitismus war für ihn mit der katholischen Lehre vereinbar.

Vergeblich appellierte 1895 der Prager Kardinal Franz Graf Schönborn an den Papst, er möge die vatikanische Unterstützung für die österreichischen Christlichsozialen und ihren "Antisemitismus in seiner abstoßendsten Form" einstellen. Den Schreibtisch des Heiligen Vaters zierte bereits ein Porträtphoto von Karl Lueger.

Kleine Gewerbetreibende, Hausbesitzer, Lehrer und Beamte hatten den abgefallenen Liberalen zum Bürgermeister von Wien gewählt – die erste Machtposition war erobert; allerdings bestätigte ihn der Kaiser erst zwei Jahre nach der Wahl in seinem Amt. Lueger war populär und intolerant, ein kleinbürgerlicher Chauvinist, der sich in der Sprache der Kutscher und Heurigensänger die Herzen eroberte. Dröhnend jonglierte er mit den antisemitischen Parolen: "Die Juden sind der Lindwurm, der die Deutschen in Fesseln geschlagen hat... dieser Lindwurm muß wiegt werden." Bis zu seinem Tod im Jahr 1910 war er der unumschränkte "Herr von Wien", und Luegers Partei wurde zur stärksten Kraft im Staat.

Hitlers Lehrmeister – Seite 4

Im Jahr 1900 erschien die seltsamste Huldigung auf den christlichsozialen Parteiführer, eine soziale Utopie, in der Lueger, der erste "Staatsobrist" und "Führer der Ostmark", zum Retter der "Vereinigten Oststaaten", eines föderalistischen Großösterreichs, erwächst. Diese erschreckend zukunftsweisende Schrift stammte von dem Reichsratsabgeordneten und Prälaten Joseph Scheicher, einem steirischen Bergbauernsohn, der mit rebellischer Kampflust von sich reden machte. In Wien, so Scheicher, herrsche große Not: "Alles gehört den Plattfüßlern, wo man hinspukt – nichts als Juden." Die jüdische Zinsknechtschaft habe die "Christen versklavt und unterjocht", jüdische Mädchenhändler "martern eine Person jahrelang, bis sie an Läusen, Krätze, Syphilis und Ekel langsam verschmachtet".

Im Kreise seiner Tischgesellschaft im Michaeler Bierhaus entwarf Scheicher einen Modellfall, wie Lueger und "seine Brüder" das Land vor dem drohenden Untergang bewahren könnten: Die Juden werden vertrieben. "Wir haben aufgeräumt. Wer sich gegen den Staat vergeht, wird unerbittlich aufgehängt", erklärten die Retter des Vaterlandes. "Nun, wir haben einige tausend Galgen in Anspruch genommen. In Wien haben wir einmal dreihundert Juden und zwanzig Arier an einem Tag gehängt... Hoch die Wiedergeburt des christlichen Volkes! Ja, Heil uns!"

Noch 1932, im heftigen Abwehrkampf gegen die zügellosen österreichischen Nationalsozialisten, erinnerte sich die Reichspost, das Organ der Christlichsozialen, wehmütig des ungestümen Volkstribuns: "Bei der Eroberung Wiens durch Lueger war eine der zündenden Ideen der Antisemitismus. Der Schatten Luegers lag schwer auf der Stadt, bis Hitler in Wien Einzug hielt. "Die Verrohung mancher Volksteile, die durch Luegers Hetze herbeigeführt wurde", meinte Albert Fuchs, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Chronisten, "war eine der Vorbedingungen für den Masseneinfluß, den nachmals der Nationalsozialismus in Österreich gewann." Die politische Gleichung von jüdischer Weltverschwörung in Gestalt des Finanzkapitals einerseits und "bolschewistischer Gefahr" andererseits war aufgegangen. Über Jahrzehnte das Glaubensbekenntnis der staatstragenden Christlichsozialen, prägte sie die Meinung der Leute im "christlichen Vaterland".

Erfolgreich hatte die Partei so auch die Konkurrenz der Groß- und Alldeutschen abgewehrt, die sich um den Waldviertler Reichsrat-Deputierten Georg Ritter von Schönerer scharten. "Was der Jude glaubt, ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei", reimten die Anhänger des "Ritters Georg". Sie zeigten ihre Gesinnung mit gehenkten Juden aus Silber, die von der Uhrkette baumelten, oder mit Spazierstöcken, die der bösartig verzerrte Kopf eines polnischen Juden zierte.

Ihr rabiater Antisemitismus paarte sich mit schwärmerischer Verehrung für Otto von Bismarck und Richard Wagner, ihre Sehnsucht galt einem großdeutschen Vaterland, und immer heftiger verrannten sich diese Judenhasser gleichzeitig auch in eine antikatholische Los-von-Rom-Bewegung. Damit war freilich im treukatholischen Österreich wenig Staat zu machen, und nach kurzer Blüte zersplitterten die Antisemiten aus der Provinz in eine Unzahl untereinander rivalisierender Gruppierungen. Erst Hitler, der sich weit mehr dem Volkshelden Lueger als dem Radaubruder Schönerer verpflichtet fühlte, dem wiederum der großdeutsche Potential.

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie entflammte der christlichsoziale Antisemitismus mit erneuter Vehemenz. Der spätere Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel erklärte bereits 1919 einer katholischen Wählerversammlung die "Judenfrage": Zwar könnten die Magyaren und Finnen "durch ihre lange Teilnahme an der Kulturgemeinschaft durchaus Europäer geworden" sein, bestimmt aber "sind es die Juden nicht". "Als antisemitische Partei" forderten nun die Christlichsozialen in den Bundesländern Salzburg, Steiermark und Niederösterreich in ihrem Programm die "folgerichtige Durchführung des Antisemitismus auf allen Gebieten". Im Dezember 1918 ereiferten sich die katholischen Neuen Tiroler Stimmen über "die jüdisch-demokratischen Zeitungs- und Kaffeehauscliquen ... alle diese dicklippigen, glutäugigen, krummbeinigen, wirrbärtigen und wollhaarigen Gesellen vom widerlichen Mulattenantlitz Liebknechts bis zum primitiven Mongolentypus Eberts".

Als im Sommer 1919 immer zahlreicher ostjüdische Flüchtlinge nach Wien strömten, drohte der Jesuitenpater Peter Sinthern "mit einer Volkserhebung der gepeinigten Völker gegen die unerträglich werdende Judenherrschaft". Der christlichsoziale Abgeordnete Anton Jerzabek beantragte mit 19 Kollegen im Wiener Parlament einen Einwanderungsstopp: Die Stadt müsse vor einem Volk geschützt werden, dem das "massenhafte Auftreten der Krätzeerkrankungen während des Krieges" sowie – "ohne den geringsten Zweifel" – die ansteigende Zahl der Fleckentyphusfälle zuzuschreiben sei. "Hinaus mit den Flüchtlingen aus Wien!" forderte der Abgeordnete Leopold Kunschak (nach 1945 der erste Obmann der österreichischen Volkspartei): Diese "einzige Bande von Kettenhändlern, Schleichhändlern und Wucherern" sei "nicht nur die Not, sondern auch die Seuche unserer Zeit". Darum "christliches, deutsches Volk, sieh dich vor, sonst wirst du aus deiner Sorglosigkeit erwachen als Sklave im Judenstaat".

Hitlers Lehrmeister – Seite 5

Einen Monat nach dieser Rede, am 29.November 1919, erörterte Kunschak im christlichsozialen Parlamentsklub seinen Entwurf für ein Gesetz zur Dissimilation der Juden, die aus allen öffentlichen Ämtern, aus Presse und Politik ausgeschaltet werden sollten. Sie müßten als eigene Nation angesehen werden, gleichgültig, ob Mitglied der israelitischen Religionsgemeinschaft oder nicht. Prälat Seipel mahnte zur Vorsicht: Zur "Agitation" wäre das Gesetz "gewiß gut", es verstoße allerdings gegen den Friedensvertrag von Saint-Germain.

Wenn der erste Jude in die Isar geworfen wird, dann müssen auch in Wien und Budapest die Juden schwimmen" forderte im März 1921 Hermann Esser, ein Abgesandter Hitlers, bei einer Tagung des "Völkisch-Antisemitischen Kampfausschußes" in der Volkshalle des Wiener Rathauses. Der Anschluß im gemeinsamen Rassenhaß war längst vollzogen. Der Grazer Oberst Zborowski donnerte bei der Abschlußkundgebung: "Im Kampf gegen das Judentum befindet sich das deutsche Volk in Notwehr und hat das Recht, alle Mittel anzuwenden, selbst das Mittel des Pogroms." Das Polizeiprotokoll vermerkt an dieser Stelle "lebhafte zustimmende Zwischenrufe" der 8000 Zuhörer.

Skrupellos buhlte die katholische Staatspartei, die 1934 ihr eigenes, autoritäres Regime errichtete, mit den Nationalsozialisten um die österreichischen Judenhasser. "Kein Antisemitismus im Dritten Reich", denunzierte die Reichspost am 17. März 1933 das junge Hitler-Regime im benachbarten Deutschland: Jüdische Staatsbürger gelten wie andere Staatsbürger ... große Sprüche ... de facto großzügige Judenschutzaktionen." Wenig später forderte ein Leitartikel im nämlichen Blatt: "Zurückerobern!" Es müsse den abgewanderten, begeisterten jungen Antisemiten klargemacht werden, daß es die Verdrehung "eines notorischen Sachverhaltes ist, wenn der Antisemitismus als eine Erfindung des Nationalsozialismus hingestellt" wird.

Die Wege führen tatsächlich immer wieder zurück nach Wien. Auch wenn sie im Zeitschriftenladen der Leopoldine Bellendorfer in der Felberstraße 18 enden. "Ich kaufte mir damals um wenige Heller die ersten antisemitischen Broschüren meines Lebens", erzählte Hitler in "Mein Kampf". Er wohnte zu dieser Zeit in der Felberstraße 22/16.

Eines Tages erschien der stellungslose Kunstmaler Adolf Hitler im Büro des Georg Lanz von Liebenfels (ein Künstlername) und erbat zurückliegende Exemplare der Ostara. Bücherei der Blonden und Mannesrechtler. Ihr Autor, Lanz, selbsternannter Erzprior des "Ordinis Novi Templi", schenkte ihm die gewünschten Hefte, und weil Hitler einen ärmlichen Eindruck machte, gab er dem schmächtigen Kerl noch zwei Kronen. Die beiden sahen einander nie wieder. Ihre Begegnung zeitigte allerdings verhängnisvolle Folgen.

In der Ostara predigte der Lehrersohn Lanz, einst Mönch des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz, der "von fleischlicher Liebe erfaßt" worden war und "schändlich abfiel" (Stiftschronik), eine aberwitzige, religiöse Rassenreinheitslehre. Die Menschheit ward in "Ariheroen" und "Tschandalen", auch "Äfflinge" oder "Schrättlinge" genannt, geteilt, die in einen schicksalhaften Kampf verstrickt waren. Nach dem "Weltgericht der Blonden über die Äfflinge" endet das unerbittliche Ringen mit der Liquidierung der "Tschandalen".

In seinem Hauptwerk, der "Theozoologie", brachte Hitlers Lehrmeister "Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götterelektron". Die geht so: Zu Anbeginn war der "große Elektrozoe" (= Urvater) mit seinen Göttermenschen, "lebendigen, elektrischen Kraft- und Sendestationen". Sie gerieten in Streit mit den "Dämonozoen", biologischen Ungeheuern. Dann kam der Sündenfall: Eva, die Elektrozoenbraut, ließ sich mit einem solchen Ungeheuer ein, und der Äffling war gezeugt; die Göttlichen verloren ihre "elektromagnetisch-radiologischen" Organe. So "wird klar, was die Erbsünde war, die ins Blut der Menschen übergegangen ist: Es war die Sodomie". Nur durch "Ausrottung der Tiermenschen und Entwicklung der höheren Neumenschen" ließe sich das Arier-Elektron zurückgewinnen.

Hitlers Lehrmeister – Seite 6

Nicht nur Hitler war von dieser okkulten Rassenreligion fasziniert. Auch August Strindberg wurde bekehrt. Fra August, wie sich der "Magier des Nordens" (Lanz über Strindberg) bald nennen durfte, vernahm die "Prophetenstimme": "Ist das nicht das Licht selbst, so bleibt es eine Lichtquelle." Lord Kitchener, der Feldherr des britischen Empire, las die Ostara-Hefte ebenso wie der k.k. Fregattenkapitän Friedrich Schwickert, Admiralstabschef der österreichisch-ungarischen Flottille, die 1900 zum Boxeraufstand nach China dampfte.

Die versponnenen Theorien des wohl skurrilsten aller Wiener Sonderlinge stießen auf ein breites Echo. Auf ihrer Ordensburg, der Ruine Werfenstein, versammelten sich die Tempelbrüder häufig bei Würsteln, Bier und Tschandalenjagd, am Weihnachtstag 1907 hißten sie am Burgfried erstmals die Hakenkreuz-Fahne.

In seiner Studie "Der Mann, der Hitler die Ideen gab" (Böhlau-Verlag), stieß der Psychoanalytiker Wilfried Daim auf erstaunliche Parallelen zwischen dem vergessenen Lehrer und seinem berühmten Schüler. So forderten die Neutempler "Zuchtmütter", die "in strenger Abgeschiedenheit leben", in "Reservationen der blonden, heroischen Rasse". Der "Kampf gegen den Sodomsaffen" bedürfe "Schützenvereinigungen und bewaffneter Korps", bestehend aus "Edelrassigen", "denn sie haben sonnenfarbiges Haar und himmelblaue Augen".

Die Endlösung in der Ostara: "Sie wollen den Klassenkampf, sie sollen den Rassenkampf haben. Rassenkampf von unserer Seite bis aufs Kastrationsmesser." – "Ohne Thors niederschmetternden Wurfhammer wird es nicht gehen" – "Bringt Fruja Opfer dar, ihr Göttersöhne. Auf, auf und bringt ihm dar die Schrättlingskinder. Es ist der gewaltige Psalm, der zur Ausmerzung des Untermenschentums auffordert..."

Der Wahnwitz hat durchaus Methode. "Wie immer in solchen Fällen begann ich nun zu versuchen, mir die Zweifel durch Bücher zu beheben", bekannte Hitler. Der Autor seiner Lektüre hieß Lanz von Liebenfels. Er lehrte: "Die Wurzel aller Krankheit ist die Rassenmischung." Zweifellos: "Die Sünde wider Blut und Rasse ist die Erbsünde dieser Welt" steht auf Seite 284 der Jubiläumsausgabe von "Mein Kampf".

Der Schüler übertrumpfte seinen Lehrer: 1938 erteilte die Gestapo Lanz Schreibverbot. Der Lehrer aber überlebte den Schüler: Er starb 1952 vergessen in der Stadt seines Wirkens.

Der merkwürdige Prophet aus Wien wußte jedoch, daß seine Lehre auf fruchtbaren Boden gefallen war: "Weißt Du, daß Hitler einer unserer Schüler ist", jubelte er 1932 in einem Brief an einen Ordensbruder: "Du wirst es noch erleben, daß er u. dadurch auch wir siegen u. eine Bewegung entfachen werden, die die Welt erzittern macht. Heil Dir!"