Während der Dow Jones, gebräuchlichster Aktienindex in den USA, immer neuen Gipfeln entgegenstrebt, sind die deutschen Aktienkurse in dieser Woche unter ihren Stand vom Jahresende zurückgefallen. Die stolzen Kursgewinne vom Januar und später noch einmal vom April haben sich praktisch in Luft aufgelöst. Optimistische Prognosen sind selten geworden, allenfalls wird vom Beginn einer längeren Durststrecke gesprochen, die möglicherweise bis zu einem Jahr dauern kann.

Dabei sind es nicht nur Tschernobyl und die sich daraus ergebenden politischen Langzeitfolgen sowie der ungewisse Ausgang der Landtagswahlen in Niedersachsen, die zu einer wachsenden Nervosität inländischer Anleger geführt haben. Neuerdings werden auch wirtschaftliche Gesichtspunkte geltend gemacht, vor allem der wieder steigende Zins, aber auch bisher nicht erfüllte Wachstumserwartungen. Außerdem vergeht kein Tag, in dem Gewinnerwartungen nach unten korrigiert werden. Als Ursache werden vor allem die Folgen der Mark-Aufwertung angeführt, die gravierender sind, als zunächst angenommen worden war.

Börsennewcomer, die sich erst während der knapp vierjährigen Hausse mit Aktien angefreundet haben, sind von einer begreiflichen Unruhe befallen. Sie lernen, daß der Spruch "Die Börse ist keine Einbahnstraße" keine Leerformel darstellt, sondern auf schmerzlichen Erfahrungen beruht. K. W.