Von Ulrich Stock

Wackersdorf

Daß die Pfingst-Schlacht am Bauzaun der Wiederaufarbeitungsanlage die Medien beschäftigt, ist verständlich. Die sogenannten "Chaoten" sind ja photogen: schwarz gekleidet, das Gesicht verhüllt, steinewerfend. Auch nach Tschernobyl noch gibt ihr Erscheinen ein gutes Feindbild für rechtschaffene Bürger ab: Gegen Atomkraft? Ja bitte. Aber so? Nein danke.

Doch der Krawall lenkt ab vom tatsächlichen Ausmaß des Widerstands gegen die WAA, dem sich viele ältere, vormals brave Oberpfälzer angeschlossen haben. Er lenkt ab auch von der Justizmaschine, die in aller Stille angelaufen ist und Demonstranten wie Gewalttäter behandelt.

Der rechtswidrige Widerstand gegen den Bau der WAA begann am 15. August 1985 mit einer Platzbesetzung im Wald. Vor Weihnachten errichteten Atomkraftgegner ein erstes Hüttendorf auf der gerodeten Fläche, nach Weihnachten ein zweites. Zahllose Mini-Demonstrationen folgten: Baumbesetzungen und Straßenblockaden mit Menschenketten vor allem. Der Ermittlungsausschuß der Bürgerinitiativen schätzt, daß die Polizei vom Sommer bis heute über 6000 Personen vorübergehend festgenommen hat. Die Staatsanwaltschaft Amberg gibt die Zahl der ihr von der Polizei übergebenen Fälle mit 2000 an. In 250 Verfahren sind bereits Strafbefehle verschickt oder Anklagen vor Gericht erhoben worden. Etwa 30 Verhandlungen hat es bisher gegeben. Eine Prozeßlawine rollt an, die die Richter in Amberg und Schwandorf über Jahre beschäftigen wird.

Die Anklagen lauten vor allem auf Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Nötigung.

Was ist Widerstand? Inge W., Schülerin, zählte zu den Platzbesetzern, die am 16. Dezember 1985 von der Polizei auf dem Baugelände eingekesselt wurden. Ein Polizist habe sie "unter erheblichem Kraftaufwand" aus einer Menschenkette lösen müssen, geht aus ihrer Gerichtsakte hervor. Inge W. soll sich "mit den Füßen gegen den Boden gestemmt" haben.