Wie schwierig das ist, zeigt die Verhandlung gegen Klaus Jürgen Becker, die am Mittwoch der vergangenen Woche in Schwandorf begann. Zwei Polizisten waren als Zeugen geladen. Der eine gab die Länge der bereits geschlagenen Schneise mit fünfzig Metern an, die Breite mit fünfzehn. Der andere konnte über die Länge gar keine Angaben machen, die Breite bezifferte er mit fünf Metern. Leicht gereizt fragte ihn der Staatsanwalt, wie er im Wald, wo die Bäume selten weniger als fünf Meter voneinander entfernt stünden, da die Schneise überhaupt habe erkennen können.

Der eine Polizist will wohl Vermessungstechniker gesehen haben, aber keine Waldarbeiter; der andere Waldarbeiter, aber keine Vermessungstechniker – obwohl sich beide Beamte nahezu an gleicher Stelle aufhielten. Über die Notwendigkeit, eben diesen Baum, auf dem Becker hockte, zu fällen, konnten beide sich nicht weiter äußern. Drei Aufforderungen, hinabzusteigen, seien aber per Megaphon an die Besetzer ergangen – doch erinnerten sich beide Beamte auch, daß nach den einleitenden Worten "Achtung, hier spricht die Polizei" der Rest der Durchsage im Gebrüll der sechzig anwesenden Demonstranten unterging, so daß nicht sicher ist, ob die Baumbesetzer die Nachricht überhaupt hören konnten. Den Angeklagten hatten auch beide Beamte gesehen; in zehn Meter Höhe machte ihn der eine aus, in "drei bis vier Meter" der andere. – Der Richter vertagte den Prozeß. Weitere Zeugen sollen gehört werden.

Oberstaatsanwalt Karlheinz Heusinger will keinem Bürger sein Demonstrationsrecht streitig machen, verfolgt werden müsse aber jede Form der Behinderung. Für die Atomkraftgegner dagegen haben auch die Besetzungen demonstrativen Charakter. Die Arbeiten würden ja nur behindert, nicht verhindert, und die überregionalen Medien nehmen in der Tat ja erst bei ungewöhnlichen Vorgängen Notiz vom Protest in der Oberpfalz.

Beliebt bei Richtern, Staatsanwälten und CSU-Politikern ist der Verweis auf die parlamentarische Demokratie; WAA-Gegner könnten ja im Herbst bei den Landtagswahlen einer anderen Partei ihre Stimme geben. Glaubwürdig ist das nicht, weil ein bereits gewählter Atomkraftgegner ganz undemokratisch um Macht und Amt gebracht wird. Der SPD-Landrat von Schwandorf, Hans Schuierer, mit über siebzig Prozent der Stimmen 1984 direkt gewählt, hatte Einwände gegen die Genehmigung der WAA. Schnell verabschiedete die CSU-Mehrheit im bayerischen Landtag das "Selbsteintrittsrecht", daß dem bayerischen Innenminister "ein sofortiges Handeln aus wichtigen Gründen des öffentlichen Wohls" an Stelle des Landrats gestattet. Am 20. Mai hat der CSU-Regierungspräsident der Oberpfalz nun auch noch ein förmliches Disziplinarverfahren gegen Schuierer eingeleitet, weil er zum Widerstand gegen die WAA aufgerufen hat.

Der Gasangriff der Polizei auf unbeteiligte Demonstranten, mehrere hundert Meter vom Bauzaun entfernt, hat zu Pfingsten Oberpfälzer und "Chaoten" vereint. Frauen füllten Dosen mit Sand – Wurfgeschosse gegen die Polizei.

Rechtsanwalt Helmut von Kietzell, der den Baumbesetzer Klaus Jürgen Becker verteidigt und vor Gericht vergeblich den "vergeistigten Gewaltbegriff" in Zweifel zog, krempelte in einer Verhandlungspause den Ärmel seines Talars hoch: Mit roten, schmerzhaften Brandwunden ist sein Unterarm übersät. Kietzell hatte zu Pfingsten im kurzen Hemd demonstriert; neben ihm ging eine Gasgranate hoch. "Das", sagt er, "ist auch Gewalt."

Der SPD-Landtagsabgeordnete Peter Kurz konnte nach dem ersten CS-Einsatz zu Ostern zwei Tage lang nicht richtig sehen. Er stellte Strafanzeige gegen den Innenminister. Das Verfahren hat die Staatsanwaltschaft Amberg inzwischen eingestellt, weil die Gasanwendung rechtmäßig gewesen sei. Ihrer Logik folgend ist die Besetzung eines Baumes verwerflicher als ein Gasangriff auf demonstrierende Bürger.