Kinder lesen ohne literaturgeschichtliches Interesse. Historische Kinderbücher bedeuten für sie keinen Wert an sich. Alte Kinderliteratur muß sich daher zu Recht immer wieder die Prüfung ihrer Tauglichkeit für heute, morgen und übermorgen gefallen lassen.

Nicht von teuren Reprints kostbarer Antiquitäten ist hier die Rede, sondern von schönen und preiswerten Ausgaben einiger Texte, die zu Marksteinen der Kinderliteraturgeschichte wurden und Kindern immer noch etwas bedeuten. Man findet sie als Teil eines Verlagsprogrammes, das gerade fünfzehn Jahre alt geworden ist. 1971 begann Maria Friedrich unter dem Dach des Deutschen Taschenbuch Verlages mit dem Aufbau der Reihe dtv-junior. Inzwischen erschienen ungefähr 770 Taschenbücher. Über etwa 370 Titel kann der Leser zur Zeit verfügen: Bilderbücher, Texte für das Erstlese-Alter, problemorientierte Jugendbücher, Klassiker, Sachbücher, Schmöker.

Ganz gewiß versteht Maria Friedrich ihre Arbeit nicht als "immerwährende Bibliothek der Kinder- und Jugendliteratur". Doch ein nicht geringer Teil des Programms besitzt inzwischen diese rare Qualität.

Auch nach hundertzwanzig Jahren bleibt das englischste aller Kinderbücher ein ungelöstes Rätsel. Die Nonsens-Geschichte des Mathematik-Professors Lewis Carroll (1832-1898) von der kleinen Alice im Land der Ungereimtheiten, Paradoxien, Spitzfindigkeiten regt immer noch zum Spiel mit den zeitweise aufgehobenen Gesetzen von Zeit, Raum, Kausalität und Logik an.

Lewis Carroll: "Alice im Wunderland", aus dem Englischen von Lieselotte und Martin Remane mit Illustrationen von Frans Haacken; Deutscher Taschenbuch Verlag, München (dtv-junior 7100); 197 S., 9,80 DM.

Die verwirrende Uhr des zerstreuten Hutmachers, die folgenlosen Todesurteile der bissigen Herzogin, die Hummerquadrille von Greif und falscher Suppenschildkröte versetzen Alice und den Leser in einen faszinierenden Zustand der Irritation. Unfreundlichkeiten von allen Seiten werden gemeinsam mit der Heldin ertragen, pariert und entschärft.

Frans Haackens auch im Taschenbuchformat noch wirkungsvolle kolorierte Federzeichnungen wischen viktorianischen Bücherstaub von den Seiten des Klassikers.