Der "Katastrophismus" der neuen Regierung verschreckte die Investoren

Am Montag der vergangenen Woche startete die Pariser Börse eine großangelegte Werbekampagne. "Diese Franzosen! Ihre Börse bietet Chancen noch und noch!", hieß es in ganzseitigen Anzeigen, die besser nicht erschienen wären. Denn gleichentags erlebte der französische Aktienmarkt im alt-ehrwürdigen Palais Brongniart seinen "schwarzen Montag": Die Kurse gerieten massiv unter Druck. So heftig war die Baisse, daß der Handel einzelner Aktien ausgesetzt werden mußte. Binnen Stunden sackte der Aktienindex um 6,5 Prozent. Frankreich war geschockt.

Die Betroffenheit war um so größer, als es der erste schwere Einbruch seit 1982 war. Nach dem Wahltriumph der Sozialisten 1981 hatte der Aktienindex dreißig Prozent eingebüßt. Doch recht bald ging es bergauf: 1983 stieg der Pariser Index um 53 Prozent, 1984 immerhin um 15 Prozent, 1985 um 45 Prozent und im Frühjahr 1986 um fast fünfzig Prozent. Es war viel Geld zu verdienen unter der linken Regierung, die am 16. März abgewählt wurde. Die ausländischen Anleger strömten herbei, die Franzosen spielten verrückt. Abertausende von Kleinsparern, die zuvor nie eine Aktie besessen hatten, begannen eifrig mitzuspekulieren. Die Zahl der Aktieneigner in Frankreich schnellte von zwei auf fünf Millionen. Die meisten waren kleine Leute, die vom Fieber gepackt wurden und immer nur steigende Börsenkurse sahen.

Seit November war der Aktienindex um hundert Prozent hinaufgejagt – binnen einer Woche verlor er gut zwölf Prozent, etliche Titel stürzten noch tiefer. Immerhin war angesichts der bisherigen Riesengewinne das Minus zu verkraften. Aber der sex appeal der Pariser Börse, so das amerikanische Magazin Business Week, war dahin. Die angelsächsischen Investoren zogen sich als erste zurück, den Amerikanern war die Pariser Börse einfach "zu teuer" geworden. Ohnehin war vielen klar, daß so manche Aktie überbewertet wurde.

Freilich genügen ein paar Großverkäufe, damit der Pariser Aktienmarkt aus den Fugen gerät. Paris ist ein kleiner Umschlagplatz, es werden nur zwei, drei Prozent des weltweiten Aktienhandels abgewickelt. Der Markt ist eng, weil ein kleiner Personenkreis die beherrschende Stellung einnimmt. Ende April belief sich die Börsenkapitalisierung französischer Gesellschaften auf 897 Milliarden Franc – sechzig Prozent gehörten den institutionellen Anlegern oder waren im Familienbesitz der Unternehmer und Industriellen. Es ist in Frankreich noch ein weiter Weg zum Volkskapitalismus. Obendrein ist die Information der Aktionäre in allzu vielen Fällen äußerst lückenhaft; jedenfalls entspricht sie meist nicht den internationalen Standards.

Indessen ist der Aktienmarkt – trotz der Verstaatlichungen 1982, welche die wichtigsten Banken und Konzerne dem Börsengeschehen entzogen – lebendig geworden. Noch 1978 betrug das Handelsvolumen im Durchschnitt nur 300 Millionen Franc – heute ist es täglich ein Milliardenumsatz. Die alten Computer des Palais Brongniart sind völlig überfordert. Einst wurde die Sitzung um 12 Uhr 30 eingeläutet, seit Anfang März wird bereits zwischen 9 Uhr 30 und 11 Uhr gehandelt. Die Neuerung war nötig geworden, weil sich die Pariser Börse "in ein Kasino verwandelt" hatte, so Xavier Dupont, der Vorsitzende der Maklervereinigung.

Doch jetzt hieß es unverhofft: Rien ne va plus. Die zunehmenden Schwierigkeiten und Ungewißheiten der "Kohabitation" zwischen dem linken Präsidenten François Mitterrand und dem rechten Premierminister Jacques Chirac verunsicherten etliche Anleger, die auf das Geschäft mit den 65 zu privatisierenden Banken und Konzernen warten. Die konservative Regierung tat das übrige, um durch ihren "Katastrophismus" die Investoren zu verschrecken. Wenige Tage vor dem Mini-Krach malte der Finanz- und Wirtschaftsminister Edouard Balladur vor der Nationalversammlung ein Schreckensszenario aus. "Die Lage verschlechtert sich", klagte er. "Die Inflation ist nicht unter Kontrolle. Das ist für mich ein Grund zu größter Besorgnis." Am selben Tag gab sich auch der junge Außenhandelsminister Michel Noir überaus pessimistisch und sprach angesichts des anhaltenden Handelsbilanzdefizits von einer "außerordentlich ernsten Lage". Düstere Prognosen veröffentlichte ebenfalls das staatliche Institut für Wirtschaftsstudien. So kam, was schon lange kommen mußte: der Rückschlag. Paradox nur, daß er ausgerechnet nach der Rückkehr der Rechten an die Macht eintrat. "Unter der Linken stand die Börse doch besser da", höhnte die sozialistische Zeitung Le Matin. Uneinig sind sich die Fachleute über die künftige Entwicklung. Vorerst geben die meisten den Ratschlag: abwarten! Noch sei es zu früh, um erneut einzusteigen.

Roger de Weck