Daß Erich Honecker nun auf absehbare Zeit nicht zu Besuch kommen wird, das ist in Bonn nur noch beiläufig registriert worden. Zu lange hat das Hin und Her um die Visite gedauert, als daß die allmählich entstandene Gewißheit über den weiteren Aufschub noch des Aufhebens wert erschiene. Aber es gibt gemischte Gefühle.

Einerseits rechnen nicht wenige Kärrner der Deutschlandpolitik damit, daß Michail Gorbatschow dem Spielraum, den sich Honecker in den Jahren der Moskauer Greisenherrschaft im Verhältnis zu Bonn geschaffen hat, wieder engere Grenzen setzen wird. Das ist Grund zu einiger Sorge. Aber andererseits ist es diesen fleißigen Praktikern auch recht, daß die deutsch-deutschen Beziehungen aus der spektakulären Aura eines Besuchs herausrücken, der, weil womöglich von sowjetischem Mißvergnügen begleitet, diese Beziehungen wohl mehr beschwert als erleichtert hätte.

Ohnehin laufen die Kontakte ja weiter, auch dadurch, daß der stornierte Besuch nun sozusagen in viele kleinere zerfällt. Zuletzt war der Bonner Oppositionsführer Vogel wieder bei Honecker oder Kurt Biedenkopf bei dem einflußreichen Politbüro-Mitglied Hermann Axen. Ein anderes Signal war die Visite, die DDR-Fachleute für Strahlenschutz kürzlich in Bonn gemacht haben, gar nicht zu reden von dem ständigen Konnex, wie er durch die vielen Verträge und Vereinbarungen entstanden ist. Bleibt die Rampe nun vorerst auch leer, im Hintergrund der Bühne geht das Stück, mit alltäglicher Besetzung, weiter.

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Am übernächsten Donnerstag hat Bonn die Qual einer Wahl, vielleicht sogar eines Bekenntnisses. Da eröffnet der Kanzler in seinem Amt eine Ausstellung über "Aspekte zeitgenössischer deutscher Kunst". Am gleichen Abend jedoch stellt die nordrhein-westfälische Landesvertretung das Ruhrgebiet als Kulturgebiet heraus, Eröffnungsredner der Kanzlerkandidat Johannes Rau. Wohin sich also wenden? Eine Abstimmung mit den Füßen, oder vielmehr mit Cocktailgläsern? Aber für Wanderer zwischen den Welten bleibt immerhin ein Trost: Zwischen dem Auftakt hier und dort liegt eine Stunde Unterschied.

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Walter Wallmann wieder in Bonn: das geht, genau besehen, über das neue Ministeramt hinaus. Denn es ist ein ziemlich offenes Geheimnis, daß ihn Helmut Kohl als Ratgeber schon immer sehr geschätzt hat. Und nun residiert der neue Umweltminister zunächst auch in der unmittelbaren Umwelt des Kanzlers: im Palais Schaumburg, einst Kanzleramt, bevor die Regierungszentrale in ihren pseudomodernen Sparkassenbau gleich daneben umzog. Das ist nur ein Notquartier, gewiß, bis eine endgültige Unterkunft gefunden sein wird. Aber ein Provisorium, beinahe symbolisch, falls der Kanzler auch daran gedacht haben sollte. Und wie sagt ein Sprichwort: kurzer Weg, langer Rat.