Köln: "Kaisersaal – Porträts aus den Kapitolinischen Museen in Rom"

Antike Kunst in der modernen Welt – Spuren verlaufen im Sand zirzensischer Trivialarenen. In den kolossalen Hollywoodrevuen der dreißiger Jahre zielten togageschürzte Girls, hoch postiert, mit den heiligen Lanzen des Mars auf chloroformierte Löwen. Rezeption und Inszenierung des Klassischen, der "anticaglie", greifen zurück auf überliefertes Instrumentarium: Säule, Stele, Postament. Der bedeutende Mensch, insbesondere die große geschichtliche Persönlichkeit in ihrer Tragik und Distanz, wird herausgehoben über die Kopf-an-Kopf-Woge des Plebs. Wo die "römischen Statuenwälder wie die Heiligentümer von Delphi" (Ludwig Curtius) in Zehntausenden von Porträtskulpturen die ausschließliche Übereinstimmung von Aristokratie und Staat so imponierend demonstrierten, kam es bei der – oft postumen – Heroisierung nicht unbedingt auf physiognomisch getreue Wiedergabe an. Die Schwierigkeit charakterlicher Deutung resultiert aus dem Kontrast der Offenheit und Verschlossenheit der so steinernen Mienen. In dieser Unzugänglichkeit und dem "in aller Beredsamkeit der Physiognomie Stummen" sah Curtius das Römische schlechthin, eine Monumentalität, die mit der göttergleichen Idealisierung oder philosophischen Vergeistigung griechischer Bildnisse wetteifert. Was nun die neunzehn Abbilder römischer Kaiser und Kaiserinnen begehren – ihre befristete Audienz ist ein Geschenk der Stadt Rom an die "Colonia Claudia Ära Agrippinensium" anläßlich des Besuches von Staatspräsident Cossiga –, ist nicht allein ästhetische Wertung, als vielmehr Überprüfung unserer geistigen Teilhabe an ihrem Erbe. Augustus, Caligula, Claudius, Marcellus, Titus, Traian – die ausgewählten Imperatoren, Titanen in ihrem Bemühen, Gallia transalpina und Germanien zu romanisieren, und deren Herrschaft die Geschicke der nördlichen Provinzen prägte, stehen nur für einen scheinbaren Kosmopolitismus, waren sie doch einzig und allein auf das "caput mundi", auf Rom bezogen. Was steckt letztlich hinter dem granitenen Kern unter der rosa und gelblich getönten, wie geäderten marmornen Epidermis als die Idee überpersönlicher Souveränität des Staates. Der monumentalen Selbstsicherheit all dieser "Charaktere eines großen historischen Romans" (O. J. Brendel) modelliert Lichtregie Allzumenschliches in die Gesichtszüge: Zynismus, Skepsis, Weltverachtung. "Nichts ist jämmerlicher als ein Mensch, der alles ergründen will", lehrte Marc Aurel. Mythos des Abendlandes in jedem Bohrloch einer Bartlocke, jeder Haarwelle um fein ziselierte Ohrmuscheln. "Soviel Reihen Geflecht, soviel von erhöhten Etagen/ Türmt sie dem Haupt sich auf", spottete Juvenal. Livias Kopf, schräg in die antike Alabasterbüste eingefügt, wagte keinen Zweifel an der VIRTUS der Cäsaren, Komplex moralischer und staatsbürgerlicher Tugenden, ach so oft von der "vita" widerlegt. Die Nachfahren lesen den Weltstoff, die historische Lektion, von Marmorlippen ab. (Römisch-Germanisches Museum bis 22. Juni, Katalog 15,– DM) Ursula Voß

Regensburg: "Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee"

Eine Ausstellung, die letzthin in Essen und München zu sehen war, zeigte einen Maler, der sich in das Strömungsmodell der Geschichte moderner Kunst nur schwer einpassen läßt: Lovis Corinth schlug sich noch mit dem Historienbild herum, als dies schon längst überholt schien, er reihte sich in die noble Herrenriege deutscher Impressionisten ein, liebäugelte mit dem fin de siècle und näherte sich zum Ende den jüngsten seiner Zeitgenossen. Lange wurde er vor allem als der Maler eines expressionistischen Alterswerks gesehen. Heute gewinnt Corinth gerade in seiner produktiven Ungereimtheit, durch die Farbigkeit seiner Widersprüche neues Interesse. Eine Ausstellung in Regensburg lenkt gleichwohl den Blick wieder ganz auf einen anerkannten Gipfel seiner Arbeit: die Bilder vom Walchensee. Wenn in der Ostdeutschen Galerie, was die Gemälde betrifft, die Ausführlichkeit auch etwas zu wünschen übrig läßt, durch die Aquarelle, Zeichnungen und die Druckgraphik ergänzt sich die Ausstellung doch zu einer eindrücklichen Dokumentation der fruchtbaren Arbeitsaufenthalte in Urfeld am Walchensee, die Corinth nach 1918 in seinen letzten Lebensjahren in dichter Folge wiederholte. Was er malt, zeichnet, radiert, ist dabei eigentlich immer dasselbe: die Terrasse, der Garten vor dem Holzhaus, der Blick von der "Kanzel", dem Aussichtsplatz, den Frau Charlotte freiholzen ließ. Der Künstler bewegt nur den Kopf, schaut über den See zum Karwendelgebirge, zum Jochberg und in die andere Richtung zum Herzogstand (mit dem Wetterstein in Hintergrund). Doch selbst wenn die Blickwinkel feststehen und wieder einmal der "Lieblingsbaum" – die Lärche – im Zentrum erscheint: Es wiederholt sich kein Bild. Er zieht noch einmal alle impressionistischen Register. Und: er entfesselt die Malgewitter, in denen die ganze Landschaft in Aufruhr und förmlich ins Rutschen gerät. Bei aller Freiheit, Corinth lebt vom Motiv. Und wenn er es auch unzählige Male studiert und vielfach dargestellt hat, er braucht das Erlebnis. Sogar die Kupferplatte klemmt er sich umständlich in die Hand, um sie draußen, direkt vorm Objekt zu gravieren. (Ostdeutsche Galerie bis 15. Juni, Kunsthalle Bremen vom 22. Juni bis 17. August; Katalog 32 Mark) Volker Bauermeister