Die Beschlußlage war klar, das Nein kategorisch: "Da gehen wir nicht hin." Die Bundesärztekammer schickte keinen offiziellen Vertreter zum 6. "Internationalen Ärztekongreß zur Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW). Keine Kommunikation mit den vermeintlichen Außenseitern. Auch die Katastrophe von Tschernobyl hat die Standesvertreter nicht verunsichert, im Gegenteil. "Tschernobyl hat uns enorm bestätigt", sagt Karsten Vilmar, Präsident der Bundesärztekammer.

Worin? Katastrophenmedizin, Katastrophen- und Zivilschutz sind notwendig; sie müssen gelehrt, gelernt und organisiert werden. In der "Denkschrift Katastrophenmedizin" der Bundesärztekammer vom April dieses Jahres wird die ärztliche Rolle umfassend definiert: "... zu der ärztlichen Verantwortung (gehören) nicht nur die Befunderhebung und die Behandlung des Patienten, sondern alles, was Voraussetzung für die Tätigkeit des Arztes ist. Den Arzt jedoch auf die Aufgaben einzuengen, für die ‚er den weißen Kittel tragen muß‘, heißt, den Sinn katastrophenmedizinischer Hilfe gründlich zu mißachten und die Erfolgsmöglichkeiten von vornherein zu minimieren."

Und es wird gefordert: "Zur Deckung des großen Bedarfs an Ärzten sind alle berufstätigen niedergelassenen Ärzte zu erfassen; so weit wie möglich sind ihnen bereits vorsorglich bestimmte Aufgaben zuzuweisen und sind sie zu entsprechender Fortbildung zu veranlassen."

In einer anderen, umfassenderen Schrift "zur Frage der ärztlichen Versorgung der Bevölkerung bei Kernkraftwerksunfällen", herausgegeben vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer, wird ein perfektioniertes Szenario der Hilfe entworfen – bis hin zur Sorge um Leichenbergesäcke und Pressesprecher.

Die Frage der "Sichtung der Opfer", der "Zwang zu schnellen, manchmal harten Entscheidungen" angesichts der Begrenztheit personeller und materieller Mittel spielt eine wichtige Rolle. Diese höchst umstrittene "Sichtung" oder "Triage" wurde kürzlich auf dem Ärztetag noch einmal abgesegnet, sie sei "nicht unärztlich"; ein Antrag zum "Grundprinzip ärztlicher Hilfe", auch "dem Schwerstkranken wird ärztlich geholfen", wurde dementsprechend abgelehnt.

Hilfe ist, demnach in Grenzen, möglich, Folgen sind, in Grenzen, heilbar. Dies heißt auch: Atomkraft ist beherrschbar, Krieg führbar. Natürlich ist die Bundesärztekammer gegen "die Anwendung von Massenvernichtungsmitteln (ABC-Waffen)"; sie fordert auch einen Atomwaffenteststopp; und weist "nachdrücklich darauf hin, daß in einem flächendeckenden Nuklearkrieg organisierte ärztliche Hilfe auch für die zunächst Überlebenden unmöglich sein würde". Aber dann heißt es weiter, daß in den Randzonen der Katastrophengebiete ärztliche Hilfe möglich sei. "Außerdem muß auch mit dem Einsatz von kleinen, sog. taktischen Atomwaffen gerechnet werden. Die Vorbereitung ärztlicher Hilfe im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen unterschiedlichster Art ist deshalb dringend notwendig, zumal der Weltfrieden auch durch andere Waffen als nukleare, biologische oder chemische Massenvernichtungsmittel bedroht wird." Die Ärzte folgen ihrem ethischen Impuls zu helfen – aber dabei akzeptieren sie die politisch-militärischen Rahmenbedingungen.

Ist das unpolitisch? Das jedenfalls behaupteten die Standesvertreter. Mit dem Argument "allgemeinpolitisch, ideologisch" boykottierten sie die IPPNW-Kollegen. Auch die Versuchung, die kritischen Fragen der Friedens-Ärzte mit dem Hammer "kommunistische Infiltration" zu erschlagen, ist für die Standesorganisation groß. Ohne die IPPNW-engagierten Ärzte ausdrücklich zu nennen, ist doch mit Blick auf sie von "Panikmache, Psycho- und Gesinnungsterror" die Rede, wird vom "Mißbrauch von Kindern, Jugendlichen und Patienten zur Durchsetzung politischer Ziele" gesprochen ( Deutsches Ärzteblatt). Die relativ wenigen deutschen Ärzte gegen den Atomkrieg, die eine Katastrophenmedizin ablehnen, weil sie ihnen sinnlos erscheint und als Instrument der Kriegsvorbereitung mißbraucht werden könne, werden offenbar von Funktionären der Bundesärztekammer für nicht dialogwürdig gehalten. Sie gelten ihnen als "ideologisch und politisch isoliert", "abgespalten", als "Oppositionelle".