Viereinhalb Jahre nach der Unterdrückung der "Solidarität" ist Zbigniew Bujak, Gewerkschaftsführer im Untergrund, verhaftet worden.

Die Miliz der Volksrepublik Polen habe "wichtige Dokumente und Ausrüstungen westlicher Herkunft" bei Zbigniew Bujak gefunden, als sie ihn, den Chef des "provisorischen Koordinationsausschusses" der "Solidarität" im Untergrund, in früher Morgenstunde verhaftete. Das berichtete der stellvertretende polnische Sicherheitschef, General Henryk Dankowski, in Warschau. Der General wiederholte den alten Vorwurf, die Aktivitäten Bujaks seien von "westlichen Zentren der ideologischen Diversion geleitet und inspiriert" worden.

Bujaks Freund Konrad Bielinski, der bei den Parlamentswahlen im letzten Herbst die Überprüfung der Wahlbeteiligung im Auftrag der "Solidarität" geleitet hatte, und Bujaks Sekretärin Ewa Kulik hatten sich am Vorabend der Verhaftung mit dem Untergrundführer getroffen, waren dann in ihre Untergrundquartiere zurückgekehrt und wurden dort ebenfalls verhaftet.

Der jetzt 31 Jahre alte Elektroingenieur Bujak hatte als Fallschirmspringer in einer Eliteeinheit gedient, war Mitglied in einem parteitreuen Jugendverband gewesen. Mühsam arbeitete er sich auf dem zweiten Bildungsweg hoch. 1977 wirkte er in seinem Betrieb, dem Traktorenwerk von Ursus bei Warschau, bei der Gründung einer freien Gewerkschaft im Untergrund mit. Im August 1980 gehörte er zu den Initiatoren der Streiks, die zur Gründung der ersten anerkannten, unabhängigen Gewerkschaft im Ostblock führten. Aus einer Gruppe von dreißig Kandidaten wählte ihn später die Landesgruppe der "Solidarität" im Bezirk von Warschau zum regionalen Sekretär. Bujak war beliebt; er gehörte zum eher radikal orientierten Teil der Gewerkschaftsbewegung.

Bei der Einführung des Kriegsrechts im Dezember 1981 entkam Bujak seinen Häschern; seitdem war er einer der meistgesuchten Untergrundführer. General Dankowski warf Bujak jetzt vor, er sei Autor vieler Aufrufe gewesen, die zu Streiks, Unruhen und anderen Ausschreitungen mit teilweise tragischen Folgen geführt hätten. Zuversichtlich meinte der Sicherheitsoffizier, Bujaks Festnahme werde die "Solidarität" in ganz Polen lähmen.

Tatsächlich hat die Organisation im Untergrund schon seit langem keine zentrale Führung mehr. Sie ist zwar mit Flugblättern präsent, hat aber immer mehr Probleme bei der Finanzierung ihrer Tätigkeit. Auch Bujak war längst zu einem Symbol für den nicht zu brechenden Widerstand geworden, ohne daß er in der Praxis noch viel ausrichten konnte. Als symbolische Figur war er freilich ebenso bedeutend wie der in der Legalität lebende Lech Walesa. Der Danziger Nobelpreisträger ist eine lebendige Mahnung für den Staat Jaruzelski, mit der Gesellschaft einen Kompromiß zu suchen. Bujak, die Leitfigur des illegalen Untergrundes, dürfte in der Haft zum Märtyrer der Opposition werden.

In Warschau wundern sich viele, warum die Miliz viereinhalb Jahre seit dem Militärschlag brauchte, um Bujak zu verhaften. Die Behörden waren in der ersten Zeit nach dem Dezember 1981 ihrem Opfer dicht auf den Fersen. Später, so rühmte sich Bujak selbst im vergangenen Jahr, sei er wieder Taxi und Bus gefahren und habe wie jeder normale Bürger gelebt, zeitweise durch einen überlangen Bart und lange blonde Haare getarnt. Er halte sich durch regelmäßiges Laufen fit, erzählte Bujak damals unbekümmert. Bujak fühlte sich sicher. Jetzt, drei Wochen vor dem X. Parteitag der polnischen Kommunisten scheint die Miliz unter direkter Führung von Innenminister Kiszczak noch einnal mit der Verfolgung der Oppositionellen Ernst zu machen.