Umberto Eco: Streichholzbriefe

Jede Woche bekomme ich Berge von Leserbriefen, die ich unmöglich beantworten kann. Die meisten bekam ich jedoch nach jener Streichholzheftklappennotiz, in der ich gestand, daß ich keine Manuskripte von Dichtern und Romanschreibern lese. In einem Interview hatte ich einmal auf die dumme Frage, was ich einem jungen Menschen raten würde, der gerne zu schreiben beginnen möchte, geantwortet: "Schreiben Sie nicht, telephonieren Sie." Daraufhin kamen viele – schriftliche – Anfragen nach meiner Telephonnummer.

Ähnlich veranlaßte nun mein Geständnis einige Leser, die sich dergleichen vorher nie hätten träumen lassen, mir ihre gesammelten Werke zu schicken. Mit der Begründung, sie verstünden schon, daß ich die Manuskripte der anderen nicht läse, aber bei ihnen läge der Fall sicher anders. Ich übergebe den Fall an die Spezialisten für die geheimen Bande zwischen Genie und Verschrobenheit. Andere Leser protestierten: "Was? Sie würden sich weigern, meine Texte zu lesen, und das mit dem albernen Vorwand, Sie müßten die Arbeiten Ihrer Studenten lesen? Wem denn, bittesehr, soll ich mein Manuskript dann schicken?" Einer hat noch hinzugefügt: "Ich wußte ja, daß Sie ein übler Patron sind. Den Beweis können Sie darin sehen, daß ich aus Protest (gegen das, was Sie gestern geschrieben haben) mich seit Jahren weigere, Ihre Bücher zu lesen!" So wörtlich, ich schwöre es, unterfertigt mit akademischem Titel.

Es wäre müßig, dem aufgebrachten Schreiber zu antworten, daß man literarische Manuskripte am besten an jene schickt, die sie beruflich lesen, Zeitschriftenredakteure oder Verlagslektoren. Ich kenne auch namhafte Dichter, die sich der Lektüre von Erstlingswerken mit Hingabe widmen, zum Vergnügen und/oderaus.

Sendungsbewußtsein. Doch um zu wissen, wer sie sind, bedarf es subtilster Kenntnisse des literarischen Lebens, und wer zuviel schreibt, liest für gewöhnlich nur wenig. Oder er liest wahllos und klammert sich an den erstbesten gedruckten Namen, der ihm ins Auge fällt, sei’s der eines Philosophen, eines Ökonomen oder eines Experten in Philatelie. Das ist eine typische Degenerationserscheinung für die Opfer der Massenkommunikation, diese Fixierung auf das augenfälligste Bild, das man sich zum Lieblingsobjekt erwählt und zu dem man eine privilegierte Beziehung zu haben wähnt. Vor Jahren kannte ich eine analphabetische junge Frau, die ernsthaft glaubte, der Talkmaster Mike Bongiorno betrachte sie während seiner Quizsendungen von der Mattscheibe aus und sende ihr ganz persönlich, natürlich verschlüsselt, Liebesbotschaften.

Einige der Briefe, die ich bekam, enden mit einer pathetischen Note: "Wenn nicht einmal Sie meine Sachen lesen wollen, wie soll ich’s dann jemals schaffen, etwas zu publizieren? Wie haben Sie’s denn geschafft? Irgendwer muß doch Ihre Manuskripte gelesen haben!" Ich könnte zwar leicht erwidern: daß meine Sachen publiziert worden sind, spricht eher dafür, daß keiner sie vorher gelesen hatte – aber in diesen Fragen kommt häufig das wirkliche Elend vieler junger Autoren zum Ausdruck, und so verdienen sie eine ernsthafte Antwort.

Was tut einer, der nicht literarische Texte, sondern wissenschaftliche Beiträge schreibt? Er geht auf Kongresse, verfolgt die Bibliographien, nimmt an Seminaren und Diskussionen teil und wird gewöhnlich irgendwann aufgefordert, eine kurze Rezension zu schreiben. Er macht sich in den richtigen Kreisen bekannt. Ab und zu schickt er einen Beitrag an eine Fachzeitschrift, und wenn der abgelehnt wird, sucht er herauszufinden, ob es an der Zeitschrift lag oder an seinem Beitrag oder womöglich daran, daß er die falsche Zeitschrift ausgewählt hatte. Wer so vorgeht, kann am Ende auch Einstein werden.