Chet Baker; "Strollin’"

Es gibt unter den vier Stücken dieser Schallplatte kein bestes, nur das eine oder andere, dessen Thema, vor allem dessen Darstellung einem ein wenig mehr als das andere gefällt, mir zum Beispiel die ersten beiden mehr als die beiden anderen. Aber derlei Erwägungen erweisen sich rasch als überflüssig. Drei Musiker treten auf: Chet Baker, der die Trompete weich und geschmeidig wie ein Flügelhorn bläst, kein lauter, schriller Ton dabei, nur viele verschiedene Betonungen, die den improvisatorischen Partien ihre schwingende Dichte geben; Gitarrist Philippe Catherine, dessen Spiel leicht und prägnant, fest und schwebend und bei aller Geläufigkeit so gelassen schwingt, daß sich einem immer der Vorname Django für ihn aufdrängt; schließlich der Kontrabassist Jean-Louis Rassinfosse, dessen Töne präszise dazukommen, wichtig ist: sie klingen. Er verdient sich Sympathie besonders für seine zurückhaltende Präsenz und sein unerschütterliches, ganz leicht pointiertes Legato-Spiel. Charakteristikum dieser Aufnahme ist überhaupt eine gelassene Heiterkeit; man hat, wenn man den dreien zuhört, die Phrasierungsbögen geradezu vor Augen, diese schönen Struktur gebenden Verbindungen, vor allem im ersten Stück ("Strollin’" von Horace Silver). Aber das spannendste ist – nein, nicht "But not for me" von den Gershwins, das Baker mit Text und Scat vorträgt, sondern Cole Porters "Love for sale": So habe ich es noch niemals gehört, so pochend, so geheimnisvoll verfremdet, eine raffinierte Rhythmus-Studie. Gar keine Frage: man sitzt in einem schönen Kammerkonzert, (enja 5005)

Manfred Sack

Prince: "Parade"

Das neue Album des exzentrischen Rockstars aus Minneapolis hinterläßt auch nach mehrmaligem Anhören einen zwiespältigen Eindruck. Zwar sind die aufwendig konstruierten Arrangements zur verwegen kieksenden Falsett-Stimme dem gängigen US-Hitparaden-Pop um Lichtjahre der Phantasie überlegen, aber dennoch verpufft dieses Feuerwerk von Déjà-vu-Effekten allzu schnell. Als die Beatles ab 1965 mit klassischen Musikformen, exotischen Intrumenten und esoterischer Lyrik zu experimentieren begannen, war das ein künstlerisches und kommerzielles Wagnis. Als der kalifornische Drogen-Freak Sly Stone 1971 mit seinem auf geniale Weise unverschämten Album "There’s a Riot Goin’ on" Soul und Psychedelik zur Fusion zwang, konnten Fans und Kritiker die elektrisierende Ausgeflipptheit zunächst nicht verkraften. Prince hingegen hakt ohne Risiko lediglich Kapitel der Rockgeschichte ab, die ein Großteil des heutigen Publikums nicht mehr so recht im Ohr haben mag. Da kann ein Epigone schnell als Original durchgehen. Immerhin: Der auch als Single erfolgreiche Titel "Kiss", mit seinem schroffen Rhythmus-Tuckern, der vorsätzlich banalen Schrammelgitarre und der grotesk überqietschten Stimme, ist auf Anhieb als Klassiker der Pop-Musik zu erkennen (Paisley Park 925 395-2). Barry Graves

Emil Gilels: "Sein letzter Konzertmitschnitt" – Werke von Schumann und Brahms

Im kommenden Herbst wäre Emil Gilels, der am 14. Oktober in Moskau starb, siebzig Jahre alt geworden. Kein Alter, wenn wir an andere Große dieser Zeit denken. Wäre er wie sie auch damit erst ins Stadium der höchsten pianistischen Reife eingetreten? Die leider nicht mehr zu Ende gebrachte zyklische Einspielung der Beethoven Sonaten hätte wohl unübertreffliche Maßstäbe gesetzt. Auch die Programmfolge jenes angeblichen "letzten Konzertmitschnitts" vom März 1984 (aus Japan), dem, noch reißerischer aufgemacht, wohl einige weitere nachfolgen dürften, dokumentiert das gewaltige künstlerische Kräftepotential, das dieser Prometheus-Figur des Klavierspiels zu Gebote stand. Aber selbst der heftigste Gefühlsausbruch bleibt bei Gilels zutiefst kontrolliert, und nur Beckmesser werden die Nase rümpfen, wenn er mit vitalem Schwung auch einmal daneben greift. In der technischen Bravour wie in der Tiefe des sublimen poetischen Gestaltens hat der "Romantiker" Gilels nicht seinesgleichen. (Robert Schumann: "Symphonische Etüden" op. 13; "Vier Klavierstücke" op. 32/Johannes Brahms: "Variationen über ein Thema von Paganini" op. 35; Melodia-Eurodisc 207 052-425 Peter Fuhrmann