Von Gaby Mayr

Schülerzeichnungen schmücken die grauen Flurwände des Schulzentrums Walliser Straße in der Bremer Trabantenstadt Osterholz-Tenever. In einer Vitrine sind besonders gut gelungene Werke aus dem Kunstunterricht ausgestellt.

Hinter der Tür zum Klassenzimmer dieser sogenannten Übungsfirma erinnert nichts mehr an die Schule, obwohl hier staatlich geprüfte Lehrer das Zepter führen. In einem Großraumbüro sitzt ein Dutzend junger Leute an elektrischen Schreibmaschinen und EDV-Terminals, beugt sich über Karteien und Formulare. Sie sind beschäftigt bei der "Bremer Buch- und Versandhandels GmbH" oder beim "Hanseatischen Weinkontor", zwei etablierten Unternehmen der deutschen Übungswirtschaft.

Murat Yalcin tüftelt an der Gehaltsabrechnung für fünf Beschäftigte. Diesmal bucht er von Hand. Das nächste Mal wird er die Arbeit am Computer fortsetzen. "Darauf legen wir Wert", erläutert sein Lehrer Holger Möller, "daß unsere Schüler jeden Arbeitsgang vom Anfang bis zum Ende verstehen und ihn per Hand und über die EDV-Anlage ausführen können." Man wisse schließlich nicht, ob die Jugendlichen später in einem modern ausgestatteten oder einem traditionell eingerichteten Betrieb einen Arbeitsplatz fänden.

Wie wenig selbstverständlich eine so umfassende Ausbildung ist, erfuhr Heike Oldorf, die gerade ein vierwöchiges Praktikum in einem "richtigen" Betrieb absolviert hat. Dort wurden sämtliche Belege zum Kontieren außer Haus gegeben. Die kaufmännischen Lehrlinge bekamen während ihrer gesamten Ausbildung keine vollständige Buchführung zu Gesicht. Statt dessen, erzählt Heike Oldorf, sei auf höfliche Umgangsformen geachtet worden. "Aber dafür brauche ich ja keine Lehre", meint die junge Frau, "höflich bin ich auch so."

Heike Oldorf hat trotz intensiver Bemühungen keine Lehrstelle in einem Betrieb gefunden. Ihr Schicksal teilen momentan fast 59 000 Jugendliche. Um zumindest einigen Schulabgängern doch noch einen Ausbildungsplatz zu verschaffen, haben mehrere Bundesländer zu Beginn der achtziger Jahre die Lehrlingsausbildung in der Schule eingeführt. Dort können junge Leute eine Lehre machen, die der dualen Ausbildung in Betrieb und Berufsschule nachempfunden ist. Die Absolventen erhalten dieselben Abschlüsse wie im dualen System.

Die meisten schulischen Lehrlinge lernen Büroberufe. Einige Schulen bilden aber auch Stahlbau- und Maschinenschlosser, Feinblechner und technische Zeichnerinnen, Hauswirtschafterinnen und Schneider aus. Im Deutschen Übungsfirmenring (DÜF) haben sich die rund achtzig Schulen, die ausschließlich berufliche Erstausbildung vermitteln, mit weiteren 450 Übungsfirmen zusammengetan, die Berufstätige weiterbilden oder Arbeitslose umschulen – darunter auch viele Behinderte.