Brecht spricht vom Einfachen, das schwer zu machen ist. Für Kinderbücher muß wohl das gleiche gelten. Wie sonst ist es zu erklären, daß auf der Flutwelle jährlicher Neuerscheinungen immer nur ein paar vereinzelte Schaumkrönchen schweben: Bücher, die einfach stimmen, die man nicht aus der Hand legen mag, die man verschlingt. (Dieser Begriff stammt wohl noch aus der Zeit, als Kinder die Nächte durchlasen. Heimlich, mit der Taschenlampe unter der Bettdecke: "Du wirst dir noch die Augen ruinieren!")

Roald Dahl: "Hexen hexen", aus dem Englischen von Sybil Gräfin Schönfeldt; Wunderlich Verlag, Reinbek; 186 S., 19,80 DM.

Dies ist so ein Buch, das man zuerst liest und dann darüber nachdenkt. Zum Beispiel, ob es denn klug ist, heutigen Kindern ein neues, höchst modernes Hexenbild zu vermitteln, weit entfernt von Knusperknäuschen und ziemlich furchterregend. Ich weiß auch nicht, ob das richtig ist. Ich weiß nur, daß dieses Buch geliebt werden wird – pädagogisch wertvoll hin oder her.

Hexen also – das ist das Teuflische bei Dahl – sehen aus wie ganz gewöhnliche Frauen. Ihre unverwechselbaren Merkmale – Krallen statt Fingernägeln, zehenlose Füße und kahle Köpfe – verstecken sie unter Handschuhen, Stöckelschuhen und Perücken. (Der Einfachheit halber gleich mit Hut drauf.) Natürlich: Nicht jede Frau mit Handschuhen, falschem Haar und Hackenschuhen ist eine Hexe. Bewahre! Das gerade macht die Enttarnung so schwierig. Genaue Zahlen kennt man nicht. Aber in England gibt es so um hundert, in manchen Ländern mehr, in anderen weniger. Aber es läppert sich zusammen.

Zumal der einzige Lebensinhalt aller Hexen die Vernichtung von Kindern ist. Vornehmlich dadurch, daß sie Kinder zuerst in mindere Tiere verwandeln wie Mäuse oder Küchenschaben, um sie dann ungestört und sanktioniert zu liquidieren. Nein, diese Phantastik hat nichts mit einem wiederaufflammenden Hexenwahn mittelalterlicher Herkunft zu tun, brutal und sadistisch von religiösen Fanatikern genährt. Nie entsteht die Gefahr neuer Verfolgungs-Ideologien von armen, gequälten Minderheiten. Im Gegenteil: Allüre und Auftreten der modernen Hexen (sie haben Geld wie Heu, selbst gemacht) deuten auf die Spitzen der Gesellschaft. Die very upper upper class, jedenfalls der weibliche Teil, ist verdächtig. Und die kann das verkraften.

Vorder- und hintergründig bleibt die Geschichte ein echter Dahl: Spaß und surrealistischer Gruseleffekt ohne naturalistischen Anspruch.

Dahl hat in dem Buch seiner norwegischen Großmutter ein Denkmal gesetzt. Er muß sie sehr geliebt haben. Und nicht nur, weil sie strikt gegen die dauernde Baderei war.