Von Horst Bieber

Ein "Störfall" im Hochtemperaturreaktor von Hamm-Uentrop soll es gewesen sein; ein informationeller Störfall im nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium ist es tatsächlich gewesen. Schritt für Schritt mußte sich Minister Jochimsen über das vergangene Wochenende zurückziehen. "Vertuschung" und "Stillegung" hatte es noch am Freitag zuvor in Düsseldorf geheißen; am Montag meinte das Ministerium schon sehr viel zurückhaltender, es sehe "keine Veranlassung", sich zu den Vorwürfen über seine Informationspolitik zu äußern: Ein verstecktes Dementi zu einer Fehlleistung, die verät, wie aufgerauht Politikerseelen seit Tschernobyl sind.

Am 3. Mai wusch ein Gewitterregen über Hamm Partikel aus der Tschernobyl-Wolke heraus und ließ die Strahlenwerte auf 50 000 Becquerel pro Quadratmeter ansteigen – ein ungewöhnlich hoher, aber nicht vereinzelter Wert. Den "Skandal" enthüllte dann das Freiburger Öko-Institut mit der Behauptung: "Mindestens siebzig Prozent der am 3. und 4. Mai in der Umgebung des THTR (Thorium-Hochtemperatur-Reaktor, wie der Kugelhaufen-Reaktor offiziell heißt) gemessenen radioaktiven Strahlung sind nach uns vorliegenden Informationen auf eine bewußt durchgeführte Abgabe von radioaktivem Graphitstaub ... zurückzuführen ... Von einem Störfall im THTR hat die (Betreibergesellschaft) HKG bisher jedoch nichts berichtet. Sie spekuliert darauf, daß die erhöhte Strahlung auf ,Tschernobyl‘ zurückgeführt wird."

Ein Teil dieser Presseerklärung, auf die nordrhein-westfälische Politiker sofort ansprangen, war falsch, der andere Teil unbewiesen. Tatsächlich hatte sich am 4. Mai eine technische Panne ereignet, die nach dem seit Oktober gültigen Regelwerk der Aufsichtsbehörde, dem Wirtschaftsministerium, nicht gemeldet werden mußte. Gleichwohl hatte der Betreiber am 8. Mai telephonisch einen Bericht erstattet, dem bis zum 15. Mai vier weitere Gespräche und schriftliche Informationen folgten. Am 20. Mai tagte der THTR-Sicherheitsausschuß, der die technische Störung nicht als meldepflichtiges Ereignis behandelte. Das Haus Jochimsen war also informiert, aber offenbar nicht der Minister.

Über den Hergang der Panne bestand zu Wochenbeginn noch Unklarheit. Der THTR ist mit über 600 000 tennisballgroßen Kugeln gefüllt, die – in Graphit eingebettet – den Brennstoff Uran und Thorium im Verhältnis 10 zu 1 enthalten. Täglich werden ein paar tausend Kugeln herausgeholt, unter anderem auch, um sie auf eine Beschädigung der Oberfläche zu untersuchen – das speziell behandelte Graphit dient nicht nur als Moderator, als Abbremser für die Neutronen, die Uran- und Thoriumkerne spalten sollen, sondern stellt auch die wichtigste Barriere gegen den Austritt radioaktiver Partikel dar.

Für die entnommenen Brennelement-Kugeln müssen neue nachgefüllt werden, und zwar über eine "Schleuse". Der Reaktor wird nämlich mit Helium unter hohem Druck gekühlt, das sofort durch eine Öffnung entweichen würde. Zwischen Außenluft und Reaktorhelium liegt deswegen die Schleuse, in der sich eine Kugel verklemmt hatte und sich auch durch erhöhten Gasdruck, abwechselnd von beiden Seiten, nicht lockern ließ. Bei der Entlastung dieser Schleusenstrecke ist nach Angaben des Betreibers ein Teil des Gases – möglicherweise durch ein irrtümlich geöffnetes Ventil – aus der Gasreinigungsanlage entgegen den Vorschriften in den Kamin geströmt. Die Kontrollgeräte zeigten einen erhöhten Radioaktivitätswert. Nach Ausbau der Filter, die solche Staubteilchen zurückhalten sollen, konnte gemessen und danach berechnet werden, wieviel Radioaktivität in die Umwelt gelangt war – nach Angaben der Betreiber soviel, daß von den 50 000 "Tschernobyl-Becquerel" etwa 0,1 Becquerel auf das Konto der Reaktorpanne gehen. Am 8. Mai wurde Düsseldorf informiert.

Der THTR befindet sich noch in der Phase der "unklaren Inbetriebnahme" und darf laut Genehmigungsbescheid bis zu 80 Prozent seiner Leistung betrieben werden – am Dienstag leistete er null Prozent, weil Düsseldorf erst eine befriedigende Erklärung für die Panne haben will, bevor der Betrieb wieder aufgenommen wird. Beide Seiten schlagen derweil mit harten Bandagen zu – die Betreiber fühlen sich verleumdet, der Minister fühlt sich unter Druck.