Die durchschnittliche Belastung der Bundesbürger nach Tschernobyl ist relativ gering. Aber manche Kranke und Kinder sind stärker gefährdet

Von Henning Engeln

Genetische Beratungsstellen und strahlenmedizinische Institute ertrinken in einer Flut von Anfragen. Geigerzähler sind bundesweit ausverkauft. Und noch Wochen nach dem Super-GAU von Tschernobyl zögern Eltern, ihre Sprößlinge in die Sandkiste zu schicken: Strahlenhysterie oder berechtigte Sorge beunruhigter Bürger?

Eine verwirrende Vielzahl von Meßwerten in verschiedenen Einheiten, abweichende Grenzwerte sowie unterschiedliche Bewertungen der Folgen schüren die allgemeine Verunsicherung (siehe auch ZEIT Nr. 21: "Lexikon der Strahlenmedizin"). Zweifel und Mißtrauen bündeln sich in Fragen: Was ist wirklich über die Wirkung kleinster Mengen an Radioaktivität bekannt? Wer ist gefährdet? Und lassen sich die Folgen überhaupt verläßlich einschätzen?

Kaum ein Phänomen haben Genetiker so gründlich untersucht wie die Wirkung von Strahlen auf das Erbgut. Schon 1927 hatte der amerikanische Genetiker Herman Muller an der Fruchtfliege Drosophila herausgefunden, daß Röntgenstrahlen Mutationen erzeugen, wofür er 1946 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin erhielt. Dennoch herrscht auch heute noch Unsicherheit darüber, welche Strahlenmenge welche Schäden beim Menschen verursacht. Das gilt besonders für geringe Strahlendosen. Die Mehrzahl der Studien gibt Zahlen an, die zwischen 100 und 500 zusätzlichen Krebstoten pro einer Million Menschen nach einer effektiven Strahlendosis von einem rem liegen (ein rem = 1000 Millirem; die Einheit zeigt die biologische Wirkung einer Strahlenmenge an). Die Dosis, bei der sich die natürliche Rate an Genmutationen verdoppelt, schätzen Fachleute auf 50 bis 250 rem.

Vier Wochen nach der Reaktorkatastrophe beziffert die deutsche Stahlenschutzkommission die gesamte durchschnittliche Strahlenbelastung durch den fallout von Tschernobyl mit 90 Millirem pro Kleinkind und 70 Millirem pro Erwachsenem. Andere Experten machen ähnliche Angaben, die zwischen 50 und 150 Millirem liegen. Ein erträgliches Risiko also, vergleichbar der durchschnittlichen natürlichen Strahlenbelastung von 110 Millirem pro Jahr und Bundesbürger?

Die Wirklichkeit ist komplizierter: