Kein Schriftsteller liest vor einer literarischen Gesellschaft eine Geschichte vor, die ihm prompt selbst widerfährt: Der erst erfundene, dann reale Held sucht den Autor heim, schrumpft dabei und stirbt. Wem würde es wohl anders ergehen als dieser Vorwitznase, die das Geheimnis eines Neurotikers ergründen will? Doch ist der Erzählheld wirklich eine erdachte, oder ist er eine existierende, doch vielfach ver- und entstellte Person? Des Schriftstellers Geschöpf als ein im doppelten Sinne erschaffenes Wesen, ist sowohl dies als auch das andere; imperativ ruft es aus: "Könnten sich die Ereignisse bloß wiederholen!" Wäre dann alles anders, alles besser? Kämen wir dann zurecht? Wer ist der Mensch? Was ist der Mensch? Die Ereignisse wiederholen sich nicht, wie soll man es herausfinden? Nichts läßt sich befehlen. Kommt es also, wie es kommen muß? Woher rührt diese gesellschaftliche Motorik?

Es ist mehr als zwanzig Jahre her, seit Urs Jaeggi, der Schweizer Soziologe und Schriftsteller aus Solothurn, seinen Geschichten der Sammlung "Die Wohltaten des Mondes" diese Fragen auf seine Weise gestellt und sie immer wieder in seinen Erzählungen von kratzbürstigen Außenseitern aufgeworfen hat, in Episoden von Käuzen und Querköpfen, die sich nicht einpassen wollen in die so schön definierten und paritätisch zugeteilten gesellschaftlichen Rollen unseres modernen Wohlfahrtsstaates. Mitte der sechziger Jahre, gerade als Bundeskanzler Erhard das neuerwachte deutsche Selbstbewußtsein in die Parole faßt: "Wir sind wieder wer!" kommt ein kecker Schweizer und stellt es mit seinen subversiven Geschichten in Frage. Es sind Geschichten, die mit nervöser Skepsis den kalten Blick der Belehrung, die geballte Faust des Rechts, die musterhaft gemauerte Treppe der Vernunft (wie es in "Der Photograph" erzählt wird) als üppige, als überreife Metaphern der Vermachtung denunzieren.

Urs Jaeggi hat seinen neuen Erzählband um einige Geschichten, die die Zeit nach der 68er Revolte zum Thema haben, vermehrt und bereichert. In lapidaren Einwortsätzen, in lakonischen Einwortaussagen probt er die Rettung aus der Sprachlosigkeit, spielt er die Kunst der scheinbaren Kunstlosigkeit, doch: "... kurze ‚schlagende‘ Sätze vernichten keine Bomben, stoppen keine Öko-Epidemie, verhindern keinen Hungermassentod."

Was ist also nach der Revolte geblieben? Enttäuschung, Depression und: "Die Erstürmung des merkantilen Zentrums durch die Aufständischen hat keine Wunden hinterlassen."

Es herrscht Katzenjammer; Jaeggi beschreibt, wie es nach Ruhe stinkt, nach Gleichgültigkeit modert, wie der neue Mief und Muff in die wiederkehrende Vereisung einzieht. "Wäre nicht jede Sekunde eine einmalige Sekunde!" Der Autor hat sich, da ihm kein Ausweg ins Überprüfen bleibt, entschlossen, in Geschichten aufzuschreiben, was sich der Analyse widersetzt. Was bleibt? "Der Aufstand der Zeichen: übertüncht... Ein gelungener Abwasch. Für die Gewinner." Dieser Satz aus der Erzählung "Reise um ärmer zu werden" ist so etwas wie eine Quintessenz der Geschichten Jaeggis. Abgeschlaffte Theseuse, gerissene Ariadnen: Die Spurensicherung führt ins Labyrinth, doch der rote Faden ist abgeschnitten: Eine fröhliche Anarchie kann nicht von Dauer sein. Leider.

Urs Jaeggi: "Fazil und Johanna", Erzählungen. Fischer Taschenbuch 5886, Fischer Verlag, Frankfurt, 1985; 200 S., 9,80 DM.

Ludwig Hang

Ein "Internationales Robert-Musil-Sommerseminar" findet vom 25. bis zum 30. August im Musil-Haus in Klagenfurt statt. Anlaß ist das fünfundzwanzigjährige Bestehen des Musil-Archivs im Geburtshaus des Autors in der Klagenfurter Bahnhofstraße 50. Thema des Seminars: "Robert Musils ‚Kakanien‘ – Subjekt und Geschichte – Von Musil bis Ingeborg Bachmann, Elias Canetti und Thomas Bernhard." Mehr als zwanzig Gelehrte aus aller Welt werden die vielen Aspekte von Musils Werk erhellen – in der Landschaft des Dichters, der 1925 dem Freund Oskar Maurus Fontana schrieb, der heimatliche Wörther See, sei ein "herrlicher See, in dem man spazieren schwimmt".