Von Heide Soltau

Straßenfest in Kreuzberg. Gitarrenmusik, geschminkte Gesichter, Bierausschank und Kuchenverkauf. Die Hausbesetzer feiern und mit ihnen viele dunkle Kinder. "Das kleine Mädchen ist angezogen wie eine arme, ältere Frau – Kopftuch, langer Mantel, dicke Socken. Sie ist ganz bei dem Geschehen dabei, läuft in die Menge, kommt wieder heraus, hält an, hört überall ein bißchen zu, lächelt, spricht leise mit sich selbst." Sie läuft dann mit den anderen Kindern zu dem Tisch mit den Farbtöpfen und tupft sich zögernd einen roten Punkt auf die Nase. Lächelt. "Ein verkrampftes Lächeln. Ein altes, ein einsames Kind." Später mischt sich das Mädchen mit dem Kopftuch unter die Tanzenden, bis sie sich plötzlich zu schämen scheint. Ihre Freude erfriert und sie verläßt die Menge.

Eine Szene aus Aysel Özakins erstem in der Bundesrepublik entstandenen Buch. "Soll ich hier alt werden?" hat sie diesen Erzählband genannt.

Aysel Özakin kam 1981 in die Bundesrepublik. In der Türkei hatte sie als Französischlehrerin gearbeitet und zu schreiben begonnen: drei Romane und zwei Bände mit Erzählungen. Ihre Bücher waren erfolgreich, wurden mit Preisen ausgezeichnet. Aysel Özakin kam als erfolgreiche Schriftstellerin in unser Land; ihr erstes Buch, in dem sie bereits Erfahrungen des Exils verarbeitet, fand schnell einen Verlag und erschien 1982.

Das Leben. Eine Kindheit auf dem Lande. Enge Wohnverhältnisse und strenge Moral. Eiserne, an das Militär erinnernde Disziplin in der Grund- und Oberschule. Erdrückend die Lehre der Götter und Väter: Mohammeds und Atatürks. Eine Kindheit voller Angst, ein Gebot zu verletzen, und eine Kindheit voller Sehnsüchte und übersteigerter Sexualphantasien, wie sie entstehen, wenn die Körper der Mädchen in Stoffe eingesperrt und kontrolliert werden. Jeder Schritt ist bewacht von der Familie, den Lehrern. Eine Freundin begeht Selbstmord. Der Bruder hat sie mit einem Freund vor dem Kino erwischt. Der dritte "Eingriff" der Militärs im September 1980 und deren Unterdrückung lassen die Erfahrungen der Kindheit und Jugend Wiederaufleben. Aysel Özakin verläßt ihre Heimat. Eine "Kleine Autobiographie", die dem zweiten im Exil entstandenen Buch: "Die Leidenschaft der Anderen" vorangestellt ist.

"Durch das Gedichteschreiben möchte ich mich vor den Männern, vor der Armut und vor der Angst retten können", sagt Aysel Özakin. Schreiben als ein Mittel der Unabhängigkeit von Männern, der Befreiung von Ängsten und der Armut.

Das spürt schon die Dreizehnjährige, für die der schreibende Bruder zunächst das Vorbild ist. Später sind aus dem klaren Vorsatz Fragen entstanden: "Warum schreibe ich? Weil ich seit meiner Kindheit immer nur still die Wut in mich hineingefressen habe? Weil ich dabei, neue Dinge zu machen, immer mit so vielen Hindernissen konfrontiert worden bin? Nie konnte ich frei die Kontakte und Beziehungen erleben. Menschliche Nähe – durch Moral verdrängt. Nonkonformismus, den ich ohne Unterstützung ertragen mußte ..."