Bisweilen greift man sich an den Kopf, wenn wieder einmal Literaturfunktionäre mit traumwandlerischer Sicherheit die "ausgewogene" Mittelmäßigkeit preiskrönen. Grund zur Freude aber gab es, als kürzlich dieses erschütternde, ergreifende, erhellende Buch mit dem renommierten "Buxtehuder Bullen" ausgezeichnet wurde –

Urs. M. Fiechtner: "Annas Geschichte"; Signal" Verlag, Baden-Baden; 157 S., 19,80 DM.

Die Geschichte einer Verschwundenen: So ist es beinahe unterkühlt im Untertitel formuliert. Annas Schicksal steht beispielhaft für das Leben vieler Menschen, die plötzlich in die brutale Maschinerie einer lateinamerikanischen Militärdiktatur geraten. Daß das Muster des Nazi-Terrors unserer jungen Vergangenheit durchscheint, liegt gewiß in der Absicht des Autors, der sich seit Jahren in den Menschenrechtsorganisationen engagiert.

Als Studentin führt Anna ein unbeschwertes Leben in einer südamerikanischen Großstadt. Von den Aktionen des Widerstands gegen die Willkür der Machthaber erfährt sie zunächst nur sporadisch. Dann lernt sie Rodrigo kennen, verliebt sich in ihn. Die beiden heiraten und erleben eine kurze Phase intensiven Glücks. Anna wird schwanger.

Ihr Bewußtsein ist schärfer geworden. Sie will nicht länger schweigend die Ungerechtigkeiten hinnehmen, die die Junta Tag für Tag den Menschen zufügt, und sie mischt sich ein. Daß Claudia und sie in die Hände der Militärs fallen und nun zu den "Verschwundenen" gehören, jenen aus politischen Gründen Gefangenen, von denen niemand in der Öffentlichkeit spricht: Das ist von grausamer Logik.

In vierundzwanzig Szenen schildert Urs. M. Fiechtner Annas Geschichte. Eine authentische Geschichte, deren Fakten und Zeugen der Autor in einem Nachwort benennt (verschlüsselt natürlich, um sie nicht zu gefährden). Sie erzählt von Demütigung und Folter und jener menschenverachtenden Gewalttätigkeit, die zum barbarischen Wesen jeder Diktatur gehört. Sie erzählt aber auch von Menschen wie Anna, die in ihrem Zorn und ihrer Verzweiflung die Angst überwinden und ihr Leben einsetzen für das Leben der anderen. Ein Rimbaud-Zitat steht da als Motto: "Im Morgenrot, gewappnet mit glühender Geduld, werden wir in die glänzenden Städte einziehen." Also auch eine Geschichte von der Hoffnung? Ja, trotz allem. Und hoffentlich erhellt sie viele Köpfe!

Jo Pestum