Von Christian Schmidt-Häuer

Es geschah im vergleichsweise idyllischen Spätherbst der Hoffnungen. Auf dem Genfer Gipfel im vergangenen November, nach einer Pressekonferenz der Sowjets, bildete sich ein kleiner Kreis um einen fröhlichen, untersetzten blonden Russen mit fortgeschrittener Stirnglatze.

"Ihr Militärsprecher hat hier jetzt wieder den totalen Verzicht auf SDI gefordert, selbst auf jede Form der Laborforschung. Bei Gorbatschow klang das im letzten Interview ganz anders. Wer hat denn nun eigentlich recht?" wollte ein Amerikaner wissen. "Das ist doch ganz einfach", antwortete der Umlagerte strahlend und in bestem Englisch, "Gorbatschow hat natürlich immer recht."

Wenn es jemandem gelang, nach Tschernobyl Gorbatschows Politik der erweiterten Publizität und persönlichen Verantwortung im wahrsten Sinne leibhaftig zu rechtfertigen, ihren Kern vor dem verheerenden Abschmelzen zu bewahren, dann jenem ironischen Witzbold von Genf – dem 51 jährigen Atomphysiker Jewgenij Pawlowitsch Welichow. Ausgewählt zum Spitzen-Programmierer der vom Parteichef verkündeten technologischen Revolution, wurde Welichow abkommandiert zum Krisenmanager des nuklearen Desasters. Sich selbst den Strahlungen am Unglücksort aussetzend, energiegeladen Wissenschaft und Theorie in einem verzweifelten Wettlauf mit der Zeit praktisch umsetzend, mit geschickten Dosierungen die Wende zur Wahrheit öffentlich vollziehend, so ließ Welichow den "tobenden Reaktor" (Gorbatschow) eingraben wie auch untergraben. Und er half zugleich, die verschüttete Informationspolitik der neuen Führung wieder freizuschaufeln.

Seinen Start, seinen ehrgeizigen Traum, die sowjetische Forschung als ein Gorbatschow der Computer-Generation ins kommende Jahrtausend zu führen, hat sich der junge Stellvertretende Präsident der Akademie der Wissenschaften mit Sicherheit anders vorgestellt. In seinem Äußeren und Auftreten bäuerliches Erbe und weltläufige Erfahrung entspannt vereinend, trainiert im Umgang mit dem Westen, informiert über den Rückstand der Sowjetunion, war er stets motiviert genug, um im Austausch mit der Welt und nicht in der Abschottung die Zukunft zu suchen. Schon seit Jahren steht seine Tür für amerikanische Kollegen und Kongreßabgeordnete ständig offen, obwohl Welichow viel im Geheimen forscht: Er hat einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung des sowjetischen Laser-Programms geleistet.

Gorbatschow nahm den flotten, aber niemals flach wirkenden Vorzeige-Forscher auf alle seine Werbetouren in den Westen mit. Welichow war schon im Dezember 1984 in London dabei, im Oktober 1985 in Paris und anschließend in Genf. Als der Parteichef mit Hilfe des Gipfeltreffens von Gromykos Erbe der totalen Fixierung auf Washingtons SDI-Pläne herunterkommen wollte und deshalb den Versuch unternahm, die Beziehungen zu Amerika trotz des Weltraum-Menetekels zu verbessern, leistete der diplomatische Wissenschaftler Schützenhilfe. Mit abwiegelnden Worten über Washingtons Möglichkeiten zeigte Welichow die veränderte propagandistische Stoßrichtung Moskaus auf: "Reagan trifft nicht die letzte Entscheidung. Das tun der Kongreß und die öffentliche Meinung."

Als der Generalsekretär nach dem Genfer Gipfel vor dem Obersten Sowjet eingestehen mußte, daß "sich die angehäuften Waffen als Resultat der Begegnung nicht verringern werden", dämpfte Welichow öffentlich die Befürchtungen der Bevölkerung und die Erwartungen mancher Militärs. Die Sowjetunion, so erläuterte der Atomphysiker, plane kein Gegenmodell zum Raketenabwehrsystem im Weltraum, die sowjetischen Maßnahmen könnten wesentlich kostengünstiger sein. Sie würden dennoch eine ernüchternde Wirkung auf jene haben, die das Gleichgewicht durch SDI zerstören wollten.