Europas Börsianer, nicht zuletzt deutsche Anleger, haben eine neue Leidenschaft entdeckt. Wer möchte schon von Siemens oder Mannesmann schwärmen? Pohjola, Nokia, Explosivos, Iberduero, Belgo-Mineira oder Norsk Hydro scheinen wesentlich phantasievollere Aktiennamen zu sein. Die vergangenen Monate waren die hohe Zeit für Nebenbörsen wie Madrid, Mailand, Paris, Oslo, Helsinki oder Stockholm. Besonders weitblickende Anleger träumen bereits von Aktienabenteuern in Lissabon, Mexico City, Malaysia oder Manila.

Und alle spielen mit. Kein Wertpapierberater, der sich an der finnischen oder spanischen Börse nicht auskennt, kaum eine Zeitschrift, die nicht entsprechende Tips bereithält. Die Banken und Wertpapierhändler an den exotischen Börsenplätzen sind selbstverständlich mit von der Partie, schließlich geht es für sie um Kaufaufträge und damit um schöne Provisionen.

Neu ist das Spiel an fernen und interessant klingenden Börsen keineswegs. Mangels guter Nachrichtenverbindungen wurden im vorigen Jahrhundert die Exotenaktien allerdings an den großen Börsen von Paris, London oder Berlin notiert. "An allen Börsenplätzen gibt es einen Handel in solchen Phantasiewerten, der zeitweilig schwunghafte Formen annimmt. Meist geht es um Aktien von Unternehmungen, die auch geographisch in weiter Ferne liegen, um Kolonialgründungen, um Konzessionen irgendwo in den Tropen, deren ernsthaften Wert niemand nachprüfen kann", bemerkte dazu 1933 das Buch "Sinn und Unsinn der Börse". Und schon die erste Aktie überhaupt, die Ostindische Kompanie, profitierte bei ihrer Ausgabe 1602 zum großen Teil von Fernweh und Abenteuer.

Das steckt den Börsianern offensichtlich auch heute noch tief in den Knochen. Während sie bei Käufen am heimischen Markt penibel die Dividendenrendite einer Aktie ausrechnen und im Zweifelsfall doch lieber eine mehr Sicherheit versprechende Anleihe erwerben, ist die Risikobereitschaft erheblich höher, wenn der Aktienname fremdartig klingt und rasche Kursgewinne versprochen werden.

Ein gutes Beispiel ist der spanische Aktienmarkt. Vor drei bis vier Jahren wußte in deutschen Landen kaum jemand etwas über die iberische Börse. Dann entdeckten, auch zur Überraschung der spanischen Banken, einige pfiffige Deutsche, daß Spaniens Aktien nach jahrelanger Talfahrt billig waren und das Land trotz erheblicher Strukturprobleme von der besseren Weltkonjunktur profitierte. Rasch war ein gewinnbringendes Spiel aufgezogen. Der Presse wurden Berichte über die Madrider Börse angeboten, die auch gern genommen wurden.

Innerhalb weniger Monate waren Namen wie Vallehermoso, Madrilena, Telefonica oder Dragados vielen deutschen Börsianern geläufig. Mit dem steigenden Interesse nahmen die Zeitungen die Notierungen spanischer Aktien in ihren Kursteil auf. Vor allem aber setzte das zunehmende Anlegerinteresse kräftige Käufe in Gang, die dann in Madrid die Kurse trieben und so zu noch mehr Zuversicht anregten. Die steigenden Notierungen reizten nun auch andere Ausländer zum Kauf – das Spiel konnte weitergehen, und es geht sicherlich auch noch weiter. Die ganze Aufführung wird zur Zeit gerade mit der finnischen Börse wiederholt.

Nun kann man einwenden, daß ja nichts Schlimmes daran ist, wenn ausländische Anleger eine Börse im Dornröschenschlaf entdecken und in Schwung bringen. Schließlich machten Auslandanleger es mit unserem Aktienmarkt genauso.