Von Hermann Graf Hatzfeldt

Der Unfall in Tschernobyl und seine Folgen stellt mit neuer Eindringlichkeit die Frage nach der zukünftigen Nutzung der Kernenergie. Gibt es wirklich keine Alternativen zur Atomenergie? Muß die Gesellschaft die Rückwirkungen dieses Energiesystems auf ihre Lebensbedingungen ertragen?

Bundeskanzler Kohl hat in seiner Rede vor dem Parlament am 14. Mai beide Fragen im Namen der Regierung bejaht. Kernenergie sei auf Dauer unverzichtbar für weiteres Wirtschaftswachstum, für die Sicherung von Arbeitsplätzen, die Reinhaltung der Luft und für die Erhaltung der internationalen Konkurrenzfähigkeit. Das verbleibende "Restrisiko" für die Gesellschaft sei angesichts dieser Tatsachen verantwortbar.

Dem Kanzler und seinen Ministern sei die Lektüre eines Buches empfohlen, das durch das grenzüberschreitende Menetekel "Tschernobyl" eine unverhoffte Aktualität erhalten hat. Denn dieser Band stellt das krampfhafte Festhalten der Bundesregierung an ihrem Atomkurs mit großer Überzeugungskraft in Zweifel. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, daß eine atomfreie Energiepolitik grundsätzlich möglich ist. Jetzt wird im Detail für die Bundesrepublik nachgewiesen, warum der Rückzug aus der Kernenergienutzung auch wünschenswert ist:

Klaus M. Meyer-Abich, Bertram Schefold: Die Grenzen der Atomwirtschaft; Verlag C. H. Beck, München 1986; 230 S., 28,– DM.

Es handelt sich um den Endbericht eines fünfjährigen Forschungsprojektes der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), das 1980 von Volker Hauff – damals Forschungsminister – in Auftrag gegeben wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Enquete-Kommission "Zukünftige Kernenergiepolitik" des achten Deutschen Bundestages bereits eine Folgeabschätzung alternativer Energiesysteme begonnen. Nach der Wende mußte die Kommission jedoch ihre Arbeit einstellen, bevor eine systematische Bewertung der Optionen erfolgt war. Dies wird nun in der vorliegenden Studie (aus der wir ein Kapitel bereits vorab gedruckt haben; ZEIT Nr. 14/28. März) nachgeholt.

Der erste Schritt der Untersuchung ist der Nachweis, daß es längerfristig zwei alternative Möglichkeiten gibt, das derzeitig (auf dem Einsatz nichterneuerbarer fossiler Energieträger beruhende) Energiesystem durch ein anderes zu ersetzen. Die Bundesrepublik steht heute also an einem Scheideweg. Noch hat die Bundesregierung die Wahl zwischen zwei verschiedenen energiepolitischen Optionen. Technisch machbar sind beide. Beide setzen auf technischen Fortschritt, wenn auch in verschiedene Richtungen.