Von Horst Bieber

Güntersen, Flecken Adelebsen, im Juni

Nach Tschernobyl, sagt Hans Mönninghoff, "nutzt es gar nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, weil der auch radioaktiv ist". Die etwa 30 Zuhörer murmeln erheitert Beifall. Der Saal im "Deutschen Haus" in Güntersen ist klein und ordentlich gefüllt; ein Stock höher wird Geburtstag gefeiert; nebenan spülen Reiter den Staub hinunter – Wochenende in einer 700-Seelen-Gemeinde des Landkreises Göttingen.

"Kein guter Termin", hatte Mönninghoff, Nummer zwei der grünen Landesliste für die Niedersachsenwahl, eingeräumt; aber mehr als 50, 60 Gäste kommen ohnehin selten zu solchen Wahlkampftreffen, und von Großveranstaltungen hält die junge Partei wenig. Eine Show ("Haste Töne") tingelt durch Niedersachsen, und ansonsten stehen ganze 450 000 Mark zur Verfugung. Kein Vergleich zu den Millionen der Volksparteien, aber Tschernobyl, das Loch von Celle, die Nöte der Bauern ersetzen Anzeigen und Plakate. Die Leute kommen, nicht in Scharen, aber längst nicht mehr nur Grün-Überzeugte oder Grün-Angehauchte: Bauern, die sich stumm die Vorzüge ökologischen Landbaus vortragen lassen, an der Rechtsstaatlichkeit zweifelnde Bürger, besorgte Mütter, die nun endlich wissen wollen, was ihre Kleinkinder essen dürfen.

"Wir werden manchmal irritierend ernst genommen", versucht Mönninghoff, Jahrgang 1950, Diplom-Ingenieur mit der Fachrichtung Wasserbau, seit zwei Jahren Grünen-Mitglied, den Stil des Wahlkampfes zu erklären. "Wir, die Grünen, sollen letzte Antworten geben", als Fachleute einspringen, wo die Politiker versagt haben. Da baut sich ein Erwartungsdruck auf, nach dem Motto: "Es muß sich was ändern durch uns."

Neben ihm sitzt Gustav Daniel, ein Biologe, der an diesem Samstagabend das erste Referat über Radioaktivität hält und es mit der Klarstellung einleitet: "Ich bin kein Mitglied der Grünen." Ein Volkshochschul-Vortrag über die Gefahren schwacher und langfristiger Strahlung, objektiv, ruhig, von Panikmache weit entfernt, in dem nicht einmal für die Grünen, aber viel für Ehrlichkeit und Offenheit geworben wird. Kindernahrung, EG-Milchpulverberg, Vitaminmangel, spontane Mutationen im Erbmaterial, Genetik und Evolution – hingen da nicht die Plakate der Grünen, es wäre ein x-beliebiger, fruchtbarer Diskussionsabend? "Man kann keine exakten Zahlen nennen, das ist manchmal unbefriedigend", schließt Daniel.

Aber ehrlich. "Was jetzt so gelogen wird", seufzt Mönninghoff und trifft damit ins Schwarze der Seelenlage. Ein glänzender Redner ist er nicht, sein Engagement und Eifer besiegen den Vorsatz, interessierte Laien Schritt für Schritt mit Argumenten zu seiner These hinzuführen: "Wenn ich Sie schon nicht von der Gefahr der Kernkraft überzeugen kann, dann von der Überflüssigkeit." Aber dennoch überzeugt er, man glaubt ihm, weil er keine ewigen Wahrheiten verkündet. "Das Abschalten der KKWs ist wichtiger als die Landtagswahlen." – "Denn wenn es jetzt den Ausstieg nicht gibt, dann kommt er erst, wenn bei uns ein AKW hochgeht."