Von Klaus Viedebantt

Der aufrechte Gang zählt zu den größten Errungenschaften der Menschheit, die Standfestigkeit zu ihren besten Tugenden. Die Weltausstellung "Expo 86" im kanadischen Vancouver fordert beide Eigenschaften in hohem Maße, denn die Schau, die unter dem Thema "Verkehr und Kommunikation" läuft, hat ihre eigenen Verkehrsprobleme nicht im Griff. Die Transportsysteme der Expo, die bis Ausstellungsschluß am 13. Oktober 15 bis 20 Millionen Menschen über das langgestreckte Messegelände und zu seinem Ableger jenseits der City von Vancouver bewegen sollen, erwiesen sich schon jetzt als unzureichend. Und das, obwohl es in den ersten Wochen seit Eröffnung des Spektakels noch relativ ruhig war. Wie das wird, wenn in Kanada und in den nur wenige Kilometer entfernten USA die Sommerferien ausbrechen, weiß wohl nur Manitu, jener "Große Geist", der hier herrschte, ehe Captain Vancouver dieses exquisit schöne Stück Landschaft für die britische Krone und die Christenheit reklamierte.

Der christlichen Seefahrt ist denn auch ein Teil der Transportleistung zugedacht, die auf dem Papier kongenial gelöst erscheint. Entlang dem Messegelände am Ufer des False Creek pendeln Fährboote, teils auf Luftkissenpolstern, teils von alten Schaufelrädern angetrieben. Aller sonstiger Transport findet über den Häuptern der Besucher statt: Über Teilen des Geländes schweben zwei Gondelbahnen, eine U-Bahn verbindet die Messe mit ihrem Ableger, dem Kanada-Pavillon, jenseits der Stadt; schließlich ist da noch die "Monorail", eine Einschienenbahn, die das Rückgrat des messe-internen Transports sein soll. Die Fähren sind dank geringer Geschwindigkeiten keine große Entlastung, die zierlichen Kabinen der Seilbahn sind eher Spielzeug denn Transportmittel, zumal das luftige Gefährt von ständigen Stopps und Technikproblemen geplagt ist. Der Shuttle-Service zwischen den beiden Schauplätzen ist zwar schnell (drei bis acht Minuten), muß sich aber einpassen in den Fahrplan der funkelnagelneuen automatischen Nahverkehrszüge (die übrigens rappeln und lärmen wie betagte Berliner S-Bahn-Veteranen). Aus diesem Grund fährt der Zug nicht oft genug.

Das größte Problem aber ist die Einschienenbahn, die gleichfalls mit zahlreichen Pannen gesegnet ist – was zu einem kräftigen Streit zwischen der Messeleitung und dem Schweizer Bahnhersteller führte. Die Ortspresse verfolgt die gegenseitigen Vorwürfe mangelnder Qualität und Personalschulung mit Eifer, da die "Monorail" ohnehin ein Zankapfel ist: Die Vorderkabine jedes Zuges, die spektakuläre Photos über die Schulter des Zugführers erlaubt, ist "wichtigen Persönlichkeiten" vorbehalten. Nur für sie hält jeder Zug an einem Spezialbahnsteig mit Zugang zum edlen VIP-Club, nur diesen hochkarätigen Passagieren wird gestattet, den Zug auf seiner ganzen Strecke zu benutzen. Das gemeine Volk, das mit seinem 20-Dollar-Eintrittsticket freie Fahrt auf allen Messevehikeln hat, darf jeweils nur Teilstrecken an Bord verbringen – wenn es überhaupt an Bord gelangt. Das ist eine Frage von Geduld und Standfestigkeit, denn selbst in der ruhigen Vorferienzeit muß man bis zu einer Stunde anstehen, um einen der "Monorail"-Plätze zu ergattern.

Die Menschenschlange und nicht das gesichtslose Mehlwurmmännchen ("Roboter Ernie") sollte das offizielle Symbol der Messe sein, denn Schlangen bilden sich nicht nur bei allen Verkehrsmitteln, sondern auch vor den meisten der Nationen-Stände, die das Herzstück der Weltschau bilden. Deren Motto lautet "World in Motion – World in Touch". In Bewegung sind vor allem jene Hunderttausende, die sich mangels ausreichender Massentransportmittel auf müden Füßen über die Messe schleppen, in Berührung sind sie, wenn sie wieder einmal ein Stündchen in der Schlange stehen, um in einen der Pavillons zu gelangen.

Hoch im Kurs stehen die Montage-Palazzi der "dicken Drei", USA, UdSSR und China, der Glasbau der gastgebenden Provinz British-Columbia, die Arena von Kanadas Hauptprovinz Ontario, das mit einem Nachbau der "America’s Cup"-Yacht lockende Verlies der Australier (Besucher werden "down under" durch ein System dunkler Gänge mit witzigen Filmen geleitet), der wie eine riesige Uhr gestaltete Schweizer Bau, Japans Halle mit einer gewaltigen Spielzeug-Verkehrswelt – und der unscheinbare, abseits gelegene Pavillon der Tschechoslowakei. Es hat sich längst herumgesprochen, daß Schweyks Nachfahren die pfiffigste und witzigste Darbietung haben; allenthalben stemmen, halten, stützen Prags Skulpturen oder Teile davon Fernseher, feinmechanisches Gerät oder Maschinenteile. Man könnte meinen, der Staat an der Moldau sei ein High-Tech-Paradies und seine Skoda-Autos, bei Ingenieuren unter "ferner liefen" katalogisiert, seien Juwelen des automobilen Gewerbes. Ein Rückschluß ist erlaubt: Prag ist ein kreativer Nährboden.

Die Giganten tun sich sichtbar schwerer. China verpackt seine bescheidenen technischen Werke zwischen die grandiosen Zeugnisse seiner großen Kultur, voran der herrliche, von vier Pferden gezogene Wagen, der 1980 in der riesigen Grabstätte von X’ian ausgegraben wurde. Neben diesem Kunstwerk verblaßt der chinesische Satellit nebenan. Die USA haben sich ganz auf ihr Weltraumprogramm kapriziert und geleiten ihre Gäste durch eine nachgebildete Weltraumstation – wer konnte bei der Planung ahnen, daß die Ausstellung in eine Katastrophenperiode der NASA fallen würde.