Von Gunter Hofmann

Köln, im Juni

Müssen sich jetzt auch noch die Ärzte in die Politik einmischen? So hört man Politiker wieder klagen. Sollen sie doch gefälligst alle bei ihrem Leisten bleiben – die Gewerkschaftler bei der Tarifpolitik, die Pastoren in der Kirche, die Lehrer am Katheder und die Ärzte am Krankenbett.

Der Einwand, die "allgemeine Politik" gehe sie herzlich wenig an, schlug mehr oder minder unverhohlen auch dem 6. Weltkongreß der "Internationalen Ärzte zur Verhütung eines Atomkrieges" (IPPNW, International Physicians for the Prevention of Nuclear War entgegen. Ein politisches Mitspracherecht aus medizinischer Verantwortung? So beanspruchen sie es, so wollen es aber weder die Regierungspolitiker noch die Standesorganisation, die Ärztekammer, haben. Im Grunde hat sich an diesem Mißverhältnis, das besonders ein deutsches Problem zu sein scheint, auch nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Friedens-Ärzte im Jahr 1985 wenig geändert.

Während von Reagan bis Gorbatschow, vom Papst bis zum UN-Generalsekretär fast jedermann, unabhängig vom politischen Standort, mindestens ein Grußwort sandte, hüllte sich der Kanzler in Schweigen. Niemand ließ sich blicken von der Regierung. Dabei geht es nicht nur darum, diesen vermeintlichen Angriff der Ärzte auf das Terrain abzuschlagen, das die Politiker als ihren Besitzstand betrachten. Wie ein Brief Heiner Geißlers an Professor Karl Bonhoeffer, den Kölner Vizepräsidenten, klarmachte, ist auch der Streit noch längst nicht ausgestanden, der mit der Auseinandersetzung um Person und Politik von Jewgenij Tschasow, dem IPPNW-Chef aus Moskau, voriges Jahr begonnen hatte.

Schon damals hatte Geißler die ganze Organisation angeklagt, weil Tschasow, stellvertretender Gesundheitsminister und hoher Politfunktionär, in einem Brief zusammen mit anderen Andrej Sacharow diffamiert hatte. Noch heute dient Tschasow als willkommener Kronzeuge, um die ganze Organisation anzuprangern. Es sei politisch und moralisch untragbar, so Geißler, zu argumentieren, "die Verhinderung des Atomkrieges sei wichtiger als Einzelschicksale von Menschen".

Es ließe sich nun wiederum über dieses kategorische Urteil Geißlers, seine Abwägung wie über das Außergewöhnliche atomarer Technik und Kriegsbedrohung lange streiten. Aber es ist Geißlers Recht, andere Prioritäten zu setzen, solange er nicht – Tschasow als Beweis – Andersdenkenden pauschal ihre moralische Verantwortlichkeit absprechen und sie auf seine Weltsicht zwangsverpflichten möchte.