Die Wiederkehr des Punkhelden Johnny Rotten

Von Sven Michaelsen

London, 6. Juni 1977: Gravitätisch bewegt sich ein Prozessionszug entlang der Themse in Richtung Parlamentsgebäude; die Inselmonarchie zelebriert mit Pomp und Posen das silberne Kronjubiläum. Plötzlich stockt die Parade, denn auf dem Wasser ist ein krachendes Inferno losgebrochen. Als Lärmquelle wird eine mit Lautsprechertürmen bestückte Barkasse identifiziert. Auf deren Achterdeck zappelt eine Kapelle mit dem obszönen Namen Sex Pistols und quält ihre Instrumente – der Schlagzeuger knüppelt erbarmungslos, die Gitarristen kennen gerade drei Akkorde.

Der wie aus dem Mülleimer gekleidete Sänger, er hört auf den Namen Rotten ("der Verkommene"), schielt fiese; seine rötlichen Haare sind mit Niveacreme eingekleistert und stehen in schmierigen Büscheln von der Kopfhaut ab. Was er mit hyänenhafter Stimme ins Mikrophon rötzt, ist für Englands Royalisten ein Akt des Barbarismus: "God save the Queen, the fascist regime / God save the Queen, she ain’t no human being."

Knüppelnd entert schließlich die Wasserschutzpolizei den Anarcho-Dampfer. Und sorgt so für die heroischste Legende in der Geschichte der Punk-Musik – festgehalten in dem Kinofilm "The Great Rock ’n’ Roll Swindle", dem genialen Frühwerk des "Absolute-Beginners"-Regisseurs Julien Temple.

Den Punk als Propaganda der Tat zu inszenieren, als abstrakte politische Militanz – das konnte keiner so authentisch wie Johnny Rotten alias John Lydon. Der provokante Gossen-Gestus und die symbolische Radikalität seiner Aktionen ließen den 1956 in London geborenen Sohn irischer Emigranten fast über Nacht zum messianisch verehrten Punk-Papst der siebziger Jahre werden. Die Attitüde der Revolte wurde tausendfach imitiert, und eine jugendliche Subkultur in den Großstädten Westeuropas kürte den Song "Anarchy in the U. K." zu ihrer Hymne: