Der Punk als Medienereignis

Die Gruppe spielte mit: "Cash from chaos", hieß fortan die Parole. Die Pistols traten mit nackten Go-Go-Girls auf, Bassist Sid Vicious, der 1978 im Drogendelirium erst seine Freundin und dann sich selbst tötete, peitschte einen Hippie mit einer Eisenkette aus. Und Lydon ("Ich hasse Hippies, alles, wofür sie stehen") schlug im Mai 1976 nach einem Konzert im Londoner Nashville Club Besucher zusammen.

Im Dezember des gleichen Jahres traten die Pistols in der Today-TV-Show auf. Sie beschimpften die Fernsehzuschauer als "dumme Schwanzlutscher", "stinkende Fürze" – und gelangten so auf die Frontseiten der Zeitungen. Dort servierte man den Lesern ein Morsealphabet des britischen Puritanismus, denn die Gazetten druckten die four letter words in Form des Anfangsbuchstabens und dreier Punkte. "Noch niemals in der englischen Pressegeschichte", mokierte sich damals die Welt, "sind Zeitungen mit so vielen Punkten gedruckt worden."

Ebenfalls wegen des TV-Eklats weigerten sich die Packer der Plattenfirma EMI, die Single "Anarchy in the U. K." auszuliefern. Im Januar 1977 kündigte EMI den Plattenvertrag und ließ alle verfügbaren Exemplare einstampfen. Abfindungssumme für die Pistols: 40 000 Pfund. Ein nachfolgendes Gesangsduett mit dem Posträuber Ronald Biggs zeigte: Johnny Rotten war zum J. R. der Musikszene geworden.

Mit ihren in Düsenlautstärke vorgetragenen drei-Minuten-Songs liquidierten die Pistols einen Rock ’n’ Roll, der zur Fratze seiner selbst geworden war. Von Leibwächtern abgeschirmte Star-Gruppen wie Genesis oder Yes kaschierten ihre Ideenlosigkeit durch sogenannte Konzeptalben und wurden zu Sklaven der grassierenden Technik-Gigantomanie. Für Tourneen wurden immer längere Lkw-Konvois zusammengestellt, denn wer die größte Watt-Zahl, die spektakulärste Lichtshow auf die Bühne brachte, der wähnte sich in der Gunst der Fans ganz oben.

Die Explosion des Punk belehrte die Rock-Fürsten eines besseren. Kaufe eine Gitarre, lerne drei Akkorde und gründe eine Gruppe, verkündete Sid Vicious – und löste damit eine Kettenreaktion aus. Unzählige Garagen-Bands formierten sich, die die stümperhafte Beherrschung ihrer Instrumente zur Methode machten: Punk sollte häßlich, brutal und oberflächlich klingen, denn so empfanden seine Protagonisten die Welt.

Passend zu ihrer Musik kreierten die Sex Pistols den wohl gewalttätigsten Tanz in der Menschheitsgeschichte, Pogo genannt. Schattenboxen, Rempeln, Kopfnüsse – wer am Ende den größten Blutverlust davontrug, hatte bei diesem Bamba brutale gewonnen.