Da nicht sicher schien, ob die Fans von einst die Kehrtwendung begriffen hatten, tauchten am Tempodrom vergitterte Mannschaftswagen der Polizei auf. Was die Beamten zu sehen bekamen, war bunt, aber friedlich: Skinheads, die das Bier palettenweise stürzten; Schizo-Punks mit Schnürstiefeln, Irokesenkamm und dem Aufdruck "Charles Manson Youth" auf ihren Lederjacken; späte Hippies, die verstohlen ihr Haschisch-Klümpchen wärmten. Und viel Schickeria im Prolo-Look, sorgsam auf verkommene Etikette bedacht.

Das angerückte Fernsehen hatte sich einen besonders originellen Clou ausgedacht. Ob Lydon, so wurde vor Beginn des Konzerts angefragt, nicht etwas ausgewählt Obszönes zur Fußball-Weltmeisterschaft in Mexiko sagen könne? Die TV-Herren wurden abschlägig beschieden.

Und Randale bekamen sie auch nicht vor die Kameras. Denn was PIL, angetreten mit Alan Dias (Bass), Bruce Smith (Schlagzeug), John McGeogh und Lu Edwards (beide Gitarre), dem Publikum in einem atemberaubenden 75-Minuten-Sprint abverlangte, hinterließ eine still begeisterte, ausgemergelte Menge.

Furios die Bühnenpräsenz von Lydon: Wie ein diabolischer Schamane posiert er auf der Bühne, spielt abwechselnd Rumpelstilzchen oder einen enthemmten Quasimodo; und seine muezzinhafte Stimme klingt auch nach zehn Jahren noch immer wie die Orgel in der Kirche der verlorenen Seelen.

Eine perfekt getrimmte Kraftmaschine die Band: Schneidende Gitarren, ein präzise pulsierender Baß und das vorwärtsstürmende Schlagzeugspiel treiben den Sänger an, ohne ihn zu verdecken.

Was sich zunächst wie ein sattsam bekanntes Amalgam aus Hardrock-Rhythmen, Punk- und Popzitaten anhört, bekommt durch Lydons Organ etwas Solitäres und weist PIL in diesem dicht besetzten Genre als konkurrenzlos aus.

Der ehemalige Kanalarbeiter, der bei den Sex Pistols oftmals nur Lärm mit Kunstanspruch produzierte, klingt heute reifer, selbst melancholische Balladen gelingen ihm, ohne daß Peinlichkeit entsteht oder die Fans von einst Verrat wittern. Mit dem Charme des Nihilisten phrasiert er Glaubenssätze wie: "Now I don’t believe in better days ahead / It will never be / I don’t believe in anything."