Eine Polemik von Carl Amery

Tschernobyl und keine Folgen; die Artisten: ratlos. "Man könnte das gegenwärtige Verhältnis der literarischen Intelligenzija zu den zentralen Gefahren als einen Verrat der schreibenden Klasse bezeichnen, der den Verrat der zwanziger und dreißiger Jahre angesichts der faschistischen Barbarei an objektiver Bedeutung noch übersteigt." Carl Amery, Jahrgang 1922, Romancier und Essayist, appelliert an die Teilnehmer des in einer Woche in Hamburg beginnenden PEN-Kongresses, es nicht bei Resolutionen am kalten Buffet zu belassen.

Vom 22. bis 27. Juni tagt der Internationale PEN-Kongreß in Hamburg. Von Dutzenden von Flughäfen in aller Welt werden sich Jet-Flugzeuge in den Äther erheben und Schriftsteller transportieren; ein solches Jet-Flugzeug regnet jeweils das Abgas-Äquivalent von zweitausend Mittelklasseautomobilen ab. In Hamburg konsumieren die Schriftsteller Edelkalorien, die vorzugsweise aus Futtermittelimporten im Verhältnis fünf zu eins auf Weltniveau hinaufgeschraubt wurden, genießen Drogen, zu deren primärer Herstellung ganze Provinzen in Frankreich, Schottland, Virginia und Brasilien bereitstehen, besuchen Partys von Leuten, die ihren Status der äußersten Sublimierung wirtschaftlicher und politischer Macht verdanken, und formulieren Statements, welche die Wichtigkeit des Geistes und seiner Freiheit in einer zunehmend barbarisierten Welt verkünden.

Wer nun glaubt, diese Kurzbilanz diene zur Verhöhnung des Berufsstandes, dem ich angehöre, der täuscht sich. Der ganze Betrieb ist stinknormal; er gehört zu unserem Zivilisationsentwurf. Warum sollte man Schriftstellern mißgönnen, was Zahnärzten und Tiefbauexperten, Psychotherapeuten und Entsorgungsspezialisten, ja neuerdings auch so unterprivilegierten Zünften wie den Philologen lieb und teuer geworden ist? Positionsspielchen in Melbourne oder Toronto; Klatsch und Seitensprünge in München oder New York; Interessenpflege und kaltes Buffet in Johannes- oder Edinburgh: es lockert die Eintönigkeit des Berufslebens auf, bereichert die Erinnerungsablage, gibt Überblick, wie subjektiv er immer sein mag. Ein PEN-Kongreß hat sogar einen zusätzlichen Effekt, der wenigen anderen Berufsständen beschieden ist: Nur dumpfestes Ressentiment kann leugnen, daß spezifische Interessen unserer Zunft, insbesondere Rede- und Meinungsfreiheit, mit einem allgemeinen Interesse der Menscheit zusammenfallen, und daß überall dort, wo der diesbezügliche Anspruch von 1789 noch nicht erreicht ist (und wo ist er das schon?), unser Berufserfolg, unser Interessenerfolg der Menschlichkeit ein Stück weiterhilft. Jeder chilenische, ukrainische, türkische oder koreanische Kollege, den das tagelang verdichtete und lokalisierte Ansehen des Profi-Clubs PEN aus dem Vergessen holen kann oder könnte, rechtfertigt, so läßt sich argumentieren, den Aufwand.

So weit, so gut – und soweit es gut ist, veranlaßt es mich auch, dem PEN als Club treu zu bleiben und jedes Jahr meinen Beitrag abzuliefern. Gründungsanlaß für diesen Club war ja in erster Linie die gefühlte Notwendigkeit, die Voraussetzungen für unser Handwerk, die allemal politischgesellschaftliche sind, gerade auch durch das konkrete Eintreten für gefährdete Kollegen in gefährdeten Territorien zu verteidigen – keine so schlechte Methode, wenn man sich die oft wenig spektakulären, aber realen Erfolge des PEN auf diesem Feld vor Augen führt.

Daß dabei etwas Hochstapelei, etwas Weihraucheffekt, etwas Lautsprecherverstärkung zugange ist, wen dürfte es stören, angesichts der humanen und humanitären Rolle, die wir not- und pflichtgedrungen spielen?

Flach-pädagogische Versuche