Von Friedhelm Gröteke

Der Gewerkschaftsboß bedeckte das Gesicht mit beiden Händen; dennoch erwischten die Fernsehkameras eine Träne der Rührung, die ihm über die Wange lief. "Es gibt Wurzeln, die man nicht ausreißen kann; solche Wurzeln seid ihr." Mit diesem Satz hatte Luciano Lama soeben vor 1300 Delegierten im römischen Sportpalast seine letzte Rede nach vierzigjähriger Gewerkschaftsarbeit beendet. Seit dem heißen Streikherbst von 1969 war er der charismatische Führer der italienischen Gewerkschaftsallianz gewesen.

"Ein Gewerkschaftsboß mit einer Reihe von Qualitäten, die den meisten anderen fehlen", lobte einmal ein großer Gegner der Arbeitgeberseite den Generalsekretär der CGIL (Confederazione Generale Italiana Sindacati Lavoratori), "nur schade, daß ihm die Unabhängigkeit fehlt." Weil Luciano Lama – Sohn eines Bahnhofsvorstands, ursprünglich sozialistischer Parteigänger, aber schon früh ins kommunistische Lager übergewechselter Klassenkämpfer – allzu genau weiß, was die Abhängigkeit von dieser Partei bedeutet, hämmerte er den Gewerkschaftsgenossen in seiner Abschiedsrede immer wieder ein: "Laßt euch nicht vor den Karren der Parteien spannen."

Solche Mahnungen klingen paradox von einem Mann, der seinen Abschied nimmt, gerade um sich voll der Parteiarbeit zu widmen, und der selbst oft genug die Direktiven seiner Partei in gewerkschaftliche Aktionen umsetzte.

Jetzt will Lama dazu beitragen, daß aus der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) eine Partei nach dem Vorbild der deutschen Sozialdemokratie wird. Die Mehrheit der Parteileitung ist – bis jetzt noch – gegen eine so weite Schwenkung. Lama sieht deshalb voraus: "In den Parteivorstand werde ich mit Sicherheit nicht gewählt."

Für die KPI-Parteileitung, die auch jetzt noch, nach einem ansehnlichen Machtverlust, zu einem guten Teil das schöne und schlechte Wetter in der italienischen Gewerkschaft bestimmt, hat der Gewerkschaftsführer Luciano Lama eine unverzeihliche Sünde begangen: Er lehnte sich gegen einen Parteibeschluß auf. Der Vorgang zeigt zugleich, wie sehr in Italien bei gewerkschaftlichen Entscheidungen die Parteipolitik mitspielt.

Im Juni vergangenen Jahres hatten die Kommunisten versucht, die Regierung Craxi zu Fall zu bringen. Sie wählten dazu ein Gewerkschaftsthema: die automatische Anpassung der Löhne an die Inflation. Ihr Plan bestand darin, eine Volksabstimmung zu organisieren. In diesem Referendum sollte sich die Linke des Landes für eine Kündigung der erst ein Jahr zuvor beschlossenen Reform der automatischen Lohnskala aussprechen.