Lama und seine mit der Zeit gehenden Gewerkschaftsmannen kürten als Nachfolger für den Posten des CGIL-Generalsekretärs den Lombarden Antonio Pizzinato. Dieser neue Mann ist Pragmatiker. Da er ganz unten im Betrieb als Arbeiter angefangen hat und alle sozialen Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte mit durchkämpft hat, kann auch die Parteispitze gegen diesen Genossen so ohne weiteres nichts einwenden.

Auf dem CGIL-Delegiertenkongreß der ersten Märzwoche wurden unter diesen Vorbedingungen mit dem Führungswechsel die Weichen gestellt. Aber Pizzinato hütete sich, der politischen Bremsen eingedenk, sofort freie Fahrt zu geben. Vorsichtig wiederholte er Lamas schöne Abschiedsworte von der Unabhängigkeit der Gewerkschaften, rief zu neuer Einigkeit der drei Gewerkschaftsverbände CGIL, CISL und UIL, ja zu einem großen Pakt aller Arbeitenden auf. Er versprach dem Arbeitgeberverband, ein fairer Verhandlungspartner zu sein. Und schließlich wiederholte er mit Nachdruck Lamas Aufforderung an die Gewerkschaftsgenossen, Neuland zu betreten, keine Angst vor ungewöhnlichen Entscheidungen zu haben.

Der neue und der scheidende Chef meinen damit, daß die CGIL langsam absterben wird, wenn Schwerpunkte in der Staatsverwaltung. Die aktive Mannschaft schmilzt nicht nur entsprechend dem Rückgang der Beschäftigtenzahlen in der Industrie zusammen. Es zeigt sich auch, daß immer weniger Jugendliche zum Eintritt bereit sind. Ein paar hunderttausend Mitglieder hätte die CGIL in den letzten Jahren schon verloren, wenn nicht die Pensionäre treu ihre Mitgliedskarten behalten würden.

"Wir müssen im Dienstleistungsgewerbe, ja auch im mittleren und unteren Management neue Mitglieder werben", forderte Lama. Nur dort und bei den neuen Berufen liege die Zukunft.

Mit Klassenkampfparolen ist auf diesen neuen Weideplätzen allerdings nichts zu holen. Lamas Konzept kommt deshalb immer wieder auf den einen Punkt zurück: Umdenken, weniger Politik machen, bei Tarifforderungen mehr die unmittelbaren Interessen der Beschäftigten vertreten, auf die verschiedenartige Leistung Rücksicht nehmen und der jahrzehntelang geforderten Gleichmacherei endgültig abschwören. Einer seiner neuen Empfehlungen, nämlich den Widerstand gegen den Bau von Kernkraftwerken aufzugeben, kam der Verband inzwischen bereits nach.

Der kleinste Gewerkschaftsbund UIL unter seinem Führer Giorgio Benvenuto ist der gleichen Ansicht wie Lama. Er schlug sogar schon vor einem Jahrzehnt Reformen vor, als die CGIL noch knöcheltief im Klassenkampf steckte.

Anders die christdemokratische Gewerkschaft CISL. Ihre Forderungen scheinen häufig von den franziskanischen Bettelmönchen des Mittelalters diktiert zu sein, denn so proletarisch klingen nicht einmal die Spruchbänder der Kommunisten. Im laufenden Jahr will die CISL die 35-Stunden-Woche in Italien durchpauken und animiert die beiden Brudergewerkschaften, sich diese Forderung gleichfalls auf die Fahnen zu schreiben. Da in Italien die effektiv geleistete durchschnittliche Jahresarbeitszeit ohnehin schon etwas unter derjenigen in der Bundesrepublik liegt, ist der Schritt zur 35-Stunden-Woche gar nicht einmal so weit. Allerdings will die CISL diese Neuerung ohne Lohnverlust.