Noch immer haben die drei Dachverbände nicht entschieden, welche Forderungen sie für die zehn Millionen Beschäftigten erheben sollen, deren Tarifverträge dieses Jahr kündbar sind und großenteils schon zu Jahresbeginn abgelaufen waren. Es ist das erstemal, daß nicht bereits vor Ablauf der Tarifverträge gestreikt wurde.

"Selbstkritik ist richtig, aber – wo bleiben die Vorschläge?" fragte sich der Generaldirektor des italienischen Unternehmerverbandes Confindustria, Paolo Annibaldi, am Schluß des CGIL-Kongresses. Mit der Ruhepause an der Streikfront kann er sehr zufrieden sein – gab es doch 1985 den niedrigsten Streikausfall seit 33 Jahren.

Daß in einem Land, in dem gerade die "bürgerlichen Tugenden" wie Fleiß und Leistung, Verantwortungsbewußtsein, Gewinnstreben und Ordnungssinn wiederentdeckt wurden, derzeit keine Chancen für systemverändernde Forderungen bestehen, sehen die Gewerkschaften nicht nur an der Reaktion der öffentlichen Meinung. Immer mehr versagen auch die Belegschaften in den Betrieben ihre Zustimmung, wenn solche "ollen Kamellen" gefordert werden.

Die Ansprüche der italienischen Arbeitnehmer sind sehr konkret geworden und beziehen sich immer mehr auf unmittelbar sie selbst betreffende materielle Fragen. Als Gegenleistung sind sie bereit, den Unternehmen mehr freie Hand für die Organisation der Betriebe zu lassen. Daß sich da eine Kluft zu den weitgehend erstarrten, verbürokratisierten und sklerotischen Gewerkschaften – vor allem zur CGIL mit ihren vorgestrigen Parolen – auftut, ist nicht verwunderlich.

Eine Umfrage, vom größten italienischen Meinungsforschungsinstitut Doxa zusammen mit der führenden Tageszeitung Corriere della Sera veranstaltet, brachte es an den Tag: Nur zehn Prozent aller Beschäftigten sind der Ansicht, daß die Gewerkschaften ihre Interessen hinreichend vertreten. Selbst von den Gewerkschaftsmitgliedern – nur jeder dritte Arbeitnehmer ist organisiert – hält ein Drittel sich für schlecht vertreten. Die Umfrage bestätigte die Gewerkschaftsstatistik, nach der Jugendliche weniger Zugang zu den Verbänden finden. Bei den Arbeitnehmern unter vierzig Jahren liegt der Organisationsgrad um fünfzehn Punkte niedriger als bei den Älteren.

Für 57 Prozent aller Befragten haben Italiens Gewerkschaften in der letzten Zeit gegenüber den Arbeitgebern an Macht verloren. Auch aus der Tatsache, daß 61,5 Prozent der Befragten für eine völlige politische Autonomie der Gewerkschaften eintritt und daß sich drei Viertel für eine freie Auswahl der einzustellenden Arbeitskräfte durch das Unternehmen aussprechen, könnten die Gewerkschaftsverbände einige Schlüsse ziehen. Die Arbeitskammern, die in Italien von den Gewerkschaften verwaltet werden und die Funktion von Arbeitsämtern haben, schreiben den Unternehmen zwingend (außer für leitendes Personal) vor, wen sie einzustellen haben.

Auch im letzten Jahr ist das Realeinkommen der italienischen Arbeitnehmer um zehn Prozent gestiegen. Damit steht Italien immer noch an der Spitze der westlichen Industrieländer. Freilich hat das Land mit 3,4 Millionen Arbeitsuchenden auch die höchste Arbeitslosigkeit unter den Industrieländern, nämlich 13,7 Prozent.