Von Peter Herde

In der fortdauernden Diskussion über den beklagenswerten Zustand der Naturwissenschaften in Deutschland hatte Bayerns Kultusminister Hans Maier (im Hinblick auf eine Geisteswissenschaft) Tröstliches zu verkünden: Die deutsche Geschichtswissenschaft sei international in jeder Hinsicht konkurrenzfähig. In der Tat: Trotz vergleichsweise schlechter Bedingungen leistet sie auf den Gebieten, in denen sie überhaupt vertreten ist, vielfach immer noch Hervorragendes.

Nach der Blütezeit der Stellenvermehrung in den siebziger Jahren erleben wir jetzt einen beispiellosen Raubbau – in SPD- wie unionsregierten Bundesländern. In einigen geschieht dies eher beiläufig, in anderen mittels spektakulärer Regierungsbeschlüsse. Arbeitsplätze in den Geisteswissenschaften werden gestrichen oder (zumeist zugunsten der Naturwissenschaften) "umgewidmet", vor allem da, wo wissenschaftliche Ergebnisse sich in materiellen Wohlstand umzusetzen versprechen. Begründet mit dem "Abbau von Kapazitäten" in der Lehrerausbildung und durchgesetzt ohne Rücksicht auf die wissenschaftlichen Erfordernisse der einzelnen Disziplinen. Eine "Perversion des Wissenschaftsbegriffes", wie es ein amerikanischer Kollege kommentierte.

Die meisten deutschen Professoren kämpfen gegen diese Ausblutung und für das Überleben ihres Fachs, eine Minderheit freilich unterstützt die Abbaupläne – darauf setzend, daß ihnen auch bei abnehmenden Studentenzahlen genügend Lehrveranstaltungen zur wissenschaftlichen Selbstbestätigung erhalten bleiben.

Ein Vergleich, der diese Hoffnungen jedoch schnell als trügerisch entlarvt: An meiner Universität Würzburg mit etwa 17 000 Studenten, wurden im letzten Semester 800 Geschichtsstudenten von acht Professoren unterrichtet. Bald werden noch mehr Studenten von nur noch sieben Professoren "abgefertigt" werden. (In Kunstgeschichte haben 600 Studenten nur noch zwei Professoren.) Und Amerika? An der Universität Princeton wurden im gleichen Semester 306 Geschichtsstudenten 250 Undergraduates, 56 Graduates) von 47 Professoren unterrichtet (Gesamtzahl der Studenten: etwas über 6000). Nach amerikanischen Maßstäben würde meiner Universität wegen eines zu kleinen und zu wenig differenzierten Lehrangebots in Geschichte das Promotionsrecht entzogen, fortgeschrittene Studenten (Graduate Students) dürften überhaupt nicht mehr ausgebildet werden. Das gleiche Schicksal würde der Geschichtswissenschaft anderer Universitäten blühen, die weniger als 20 Professoren vorzuweisen haben (zum Beispiel Bonn, Kiel, Göttingen, Düsseldorf, Konstanz, Frankfurt, Saarbrücken, Gießen, Heidelberg, Mainz, Erlangen um nur die alten, "etablierten" Universitäten zu nennen).

Die Zahl der Geschichtsstudenten einer mittleren deutschen Universität (etwa 1000) wird in den USA nur von den großen Staatsuniversitäten erreicht, wo allerdings 50 bis 70 Professoren ihren Dienst tun (so in Berkeley, Los Angeles, Wisconsin-Madison, Rutgers und so weiter). Diese Staatsuniversitäten besitzen weitere kleinere Campus, an denen wieder um die 40 Geschichtsprofessoren unterrichten. Staaten wie Kalifornien, New York, New Jersey und Wisconsin finanzieren ihren Staatsuniversitäten jeweils mehrere Hundert Geschichtsprofessuren, ein Vielfaches der Zahl der großen deutschen Bundesländer.

An den großen privaten Universitäten wie Harvard, Yale, Columbia, Princeton oder Stanford unterrichten ebenfalls zwischen 40 und 70 Geschichtsprofessoren meist weniger als 500 Studenten. Dazu kommt ein dichtes Netz kleinerer Universitäten und Colleges, von denen der "Guide to Departments of History 1984/85" des amerikanischen Historikerverbandes immerhin 399 wissenschaftlichen Status zuerkennt. Obschon ein Vergleich mit deutschen Universitäten und Gesamthochschulen seine Tücken hat, haben im Verhältnis zur Bevölkerungszahl die USA ein wesentlich dichteres Netz von etwa gleichwertigen Hochschulen.