Bei uns herrschen annähernd amerikanische Verhältnisse nur an der Freien Universität Berlin mit rund 40 Historikern (Kunstgeschichte, Vor- und Frühgeschichte, Didaktik nicht einbezogen), zu vergleichen mit dem kleineren Campus der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, wo 42 Historiker lehren.

Die FU ist in der Bundesrepublik eine Ausnahmeerscheinung. Münster mit fast 30, Hamburg und München mit etwas über 20 Professoren liegen bereits unter der Professorenzal mittlerer amerikanischer Universitäten (30 bis 40). Die Mehrzahl der mit Historikern nach deutschen Maßstäben gut ausgestattenen Hochschulen (15 bis 23 Geschichtsprofessuren: Köln, Tübingen, Bochum, Freiburg, Bielefeld und Marburg) kommen an kleine amerikanische Universitäten heran, die gerade noch die Qualifikation für die Ausbildung von Graduate Students und das Promotionsrecht erfüllen. Die übrigen, einschließlich der neugegründeten Hochschulen liegen darunter.

Daß deutsche Universitäten nicht nur im Vergleich zu den amerikanischen katastrophal abschneiden, zeigt ein Seitenblick auf andere Länder: In England reichen Oxford und Cambridge in der Zahl der Geschichtsdozenturen an die besten amerikanischen Universitäten heran, und auch die übrigen liegen noch weit über dem deutschen Durchschnitt.

Eine mittlere Universität wie Warwick hat 30 Historiker und läge in Deutschland damit auf dem zweiten Platz. In Frankreich ist es ähnlich. Ebenfalls 30 Historiker hat die mittelgroße Hebräische Universität von Jerusalem, und selbst ein armes Entwicklungsland wie die Philippinen beschäftigt an seiner Staatsuniversität in Quezon City 25 Historiker (davon 20 in Lebenszeitstellungen) und würde damit in Deutschland den dritten Platz einnehmen.

Jeder weiß, daß eine intensive Betreuung den Standard von Forschung und Lehre hebt. In einer amerikanischen "Massenuniversität" wie Berkeley (etwas über 30 000 Studenten) werden in Geschichte die Teilnehmer an Proseminaren auf 20 begrenzt (meist sind es viel weniger), die der Graduate-Seminare (Haupt- und Oberseminare) auf etwa zehn (die Regel sind hier eher fünf Teilnehmer). In Deutschland habe ich kaum je ein Proseminar mit nur 20 Teilnehmern gehabt, im Durchschnitt liegt die Zahl etwa doppelt so hoch, und fast ebenso hoch ist im Durchschnitt die Teilnehmerzahl von Hauptseminaren.

Noch etwas anderes ist bemerkenswert: In den USA, deren öffentliche Meinung und Medien eher introvertiert sind und kaum Interesse für das Ausland zeigen, bieten die Universitäten ein weit gefächertes Angebot von Veranstaltungen der Geschichte fast aller Teile der Welt. Neben der Geschichte Nordamerikas und Europas sind Ostasien, Südostasien, Südasien, der Nahe Osten, die verschiedensten Teile Afrikas und Lateinamerika durch zahlreiche Veranstaltungen sowohl im Undergraduate- als auch im Graduate-Studium vertreten.

Dagegen ist das deutsche Angebot geradezu provinziell, und daran hat auch die "Reform" der siebziger Jahre nichts geändert. Wer über Südasien etwas erfahren will, muß nach Heidelberg gehen, wer Südostasien studieren will, nach Passau, wer sich für Afrika interessiert, geht nach Bayreuth, lateinamerikanische Geschichte wird in Köln und künftig in Eichstätt erforscht. Was fehlt, ist die notwendige Infrastruktur. Im übrigen lebt die hiesige Geschichtswissenschaft ohne den Hauch der weiten Welt, was sich auch in den wissenschaftlichen Publikationen niederschlägt.