Keineswegs produzieren die amerikanischen Universitäten für den "Markt". Fast jede hat einen Byzantinisten, viele haben "Orchideenfächer" wie asiatische Vor- und Frühgeschichte. Nicht Materialismus, wie hierzulande oft unterstellt, sondern reiner Erkenntnistrieb ist das Motiv guter amerikanischer Hochschulen.

Auch in den USA gilt: die Vielfalt begünstigt das Spezialistentum, sich in engen Grenzen zu bewegen, ist bequemer. Hier halten wir Schritt: Schon wird an einer bekannten deutschen Universität ein Bewerber um einen Lehrstuhl ausgeschlossen, weil er, neben seinen Hauptarbeiten über das 11. Jahrhundert auch noch den einen oder anderen Aufsatz über das 15. Jahrhundert publiziert hat, was ihm als "unzulässiges Schwanken in seiner Forschungsrichtung" vorgehalten wird. Nur die bedeutenden deutschen Historiker der neuesten Geschichte lehren und forschen noch über das 19. und 20. Jahrhundert zugleich. Wer in einem Anflug von Nostalgie noch in "mittlerer und neuerer Geschichte" arbeitet (so vielfach noch die alten Lehrstuhlbezeichnungen), gerät unter Rechtfertigungsdruck. Den deutschen Lehrstuhlinhaber für die großen Geschichtsperioden gibt es längst nicht mehr.

In den USA ist das Beste gerade gut genug und wird honoriert, jedenfalls an den renommierten amerikanischen Universitäten. Wer viel leistet, erhält viel Forschungsmittel, bekommt auch Gehaltserhöhungen (in Harvard sind selbst in der höchsten Stufe der "Full Professors" Gehaltsunterschiede bis zum Verhältnis vier zu eins keine Seltenheit). Ähnliches wäre hier undenkbar. Die bei uns üblichen Gehaltszuschläge bei Berufungen waren immer nur sehr bedingt leistungsbezogen. Sie führten in der Zeit der Expansion dazu, daß zweitklassige Vertreter von Massenfächern Höchstgehälter aushandelten, während international hoch angesehene Ägyptologen, Byzantinisten, Arabisten oder Mittellateiner, die wegen der geringen Zahl der Lehrstühle selten mehr als einen Ruf erhielten, Mindestgehälter beziehen.

Befragungen von Studenten über ihre Lehrer gibt es in der einen oder anderen Form heute an fast allen amerikanischen Universitäten. Sie werden an den guten Universitäten aber sehr kritisch verwertet, da man weiß, daß vielfach die Professoren, die die geringsten Anforderungen stellen und die besten Noten geben, in Umfragen unter den Studenten die höchsten Wertungen erhalten.

Die Wissenschaftsförderung ist in den USA dezentralisiert und auf eine Vielzahl von Stiftungen verteilt, deren neutrale Aufsichtsgremien ein System von checks and balances garantieren und damit das Aufkommen von Gutachterkartellen erschweren. Gutachter wechseln in der Regel jedes Jahr, so daß wichtige Positionen im Wissenschaftsbetrieb nicht von bestimmten Personen beherrscht werden, die oftmals seit Jahrzehnten kaum noch forschen. Verbandspolitik bei der Gutachterwahl gibt es daher nicht, Fehlurteile werden besser ausgeglichen.

So läßt der Vergleich keine bessere Bewertung zu: Als Folge einer bornierten Kulturpolitik hat die deutsche Geschichtswissenschaft in der Breite und Universalität den Anschluß an die internationale Spitze längst verloren. Um ihn wieder zu finden, müßte die Zahl der Stellen mindestens verdreifacht und ausgezeichneten Nachwuchswissenschaftlern wieder eine Chance gegeben werden.

Der Autor, Professor für Geschichte an der Universität Würzburg, hat an mehreren amerikanischen Universitäten gelehrt und war zweimal Mitglied des Institute für Advanced Studies in Princeton.