Der Krach kam ein paar Wochen zu früh, denn nun stört er ganz unpassend jenes nationale Hochgefühl, das die Mexikaner bei ihrer Fußball-Fiesta gerade genießen. Doch so gern Finanzminster Jesus Silva Herzog noch etwas gewartet hätte – seine rasch leerlaufende Devisenkasse und der Absturz des Peso, der in nur fünf Tagen beinahe ein Drittel seines Dollarwertes verlor, ließen ihm keine andere Wahl. Mexiko, mußte Herzog eingestehen, ist pleite – wieder einmal.

Geht nun die große Welt-Schuldenkrise wieder los, die viele schon für bewältigt hielten? Es wird eine zweite Runde geben, das steht jetzt fest. Denn genau die hat der mexikanische Finanzminister gerade eröffnet. Die Frage ist: Wird sie härter als die erste?

Vor knapp vier Jahren hatte es in Mexiko ganz ähnlich begonnen: Das Land konnte auf seine Auslandsschulden, vornehmlich in Dollar gegenüber nordamerikanischen Banken, nicht einmal mehr die laufenden Zinsen zahlen – die Tilgungen war schon früher eingestellt worden. Ein Jahr darauf – 1983 – leistete auch Brasilien, noch vor Mexiko das höchstverschuldete Land der Erde, den Offenbarungseid. In den Chefetagen der internationalen Banken begann das große Zittern: Über vierzig Staaten, vornehmlich in Südamerika, Afrika und Fernost, mit zusammen neunhundert Milliarden Dollar fauler Verbindlichkeiten waren mit den Zahlungen in Verzug. Sie verlangten – fast alle auf einmal – nicht nur Aufschub für die alten Schulden, sondern auch fresh money, neue Kredite.

Das westliche Finanzsystem sorgte für beides, denn anders wäre es damals nicht weitergegangen. Das war nicht nur im Interesse der Schuldnerländer, sondern auch der privaten Geldkonzerne, die auf einen solchen Gefahrenzustand überhaupt nicht vorbereitet waren. Weil es damit bei allen Großbanken, nicht nur den amerikanischen, schlecht bestellt war, das heißt alle viel zu leichtsinnig in die Finanzierung der Entwicklungs- und Schwellenländer eingestiegen waren, hielten sie international solidarisch zusammen.

Die Parole hieß: Zeit gewinnen. Ordentliche Bankiers pflegen schlechte Forderungen normalerweise sofort abzuschreiben. Doch die große Schuldenkrise hatte auf einen Schlag so viel faule Posten enthüllt, daß selbst hochsolide Institute wie die Deutsche Bank mehrere Jahre brauchten, um das zu verkraften. Also mußten erst einmal viele notleidenden Engagements vorübergehend künstlich gesund gehalten werden. Ein Großteil der neuen Kredite an die Schuldnerländer sollte denn auch diese nur in die Lage versetzen, fällige Zinsen auf die alten Schulden bei den Banken zu begleichen. Geld floß bei solchen Operationen keines – ein reiner Buchungsvorgang.

Mit solchen Tricks schindeten die Bankiers für sich Zeit, ohne den Schuldnerländern in größerem Umfang mit wirklichen neuen Krediten unter die Arme zu greifen. Die gesamte Schuldenlast wird erst in diesem Jahr die Eine-Billion-Dollar-Schwelle überschreiten.

Außer den Umschuldungsabkommen unter Aufsicht des Internationalen Währungsfonds (IWF), die in diesem Frühjahr beispielsweise in Südamerika immerhin neunzig Milliarden Dollar umfaßten, also rund vierzig Prozent der gesamten Bankenverschuldung dieser Region, halfen da die geschrumpften Zinssätze und Ölpreise schon eher, die Bürde der Verbindlichkeiten zu tragen. Wie die "Bank der Notenbanken", die Baseler BIZ (Bank für internationalen Zahlungsausgleich) in ihrem jüngsten Bericht gerade erleichtert feststellte, lagen die Dollarzinsen 1985 "im Durchschnitt 2,5 Prozentpunkte niedriger als 1984", und der Rückgang hielt in diesem Jahr an. Das bedeutet eine Zinsersparnis für alle Schuldnerländer von mehr als zwanzig Milliarden Dollar.