Die Bundesregierung stellt den Nennbetrag deutscher Aktien zur Diskussion

Von Provinzialismus wird jetzt im Zusammenhang mit der deutschen Börse nicht mehr geredet. Steigende Kurse und kräftig gewachsene Umsätze haben dem Aktienmarkt viel von diesem unrühmlichen Anstrich genommen. Mit Freude registrieren die Aktionäre auch, daß nach vielen Jahren des Schrumpfens die Zahl der börsennotierten Aktiengesellschaften wieder steigt.

Die Bundesregierung möchte diesen freundlichen Trend unterstützen. Ende des vergangenen Jahres schrieb sie die Verbände der Wirtschaft und des Kreditgewerbes an und bat diese um Auskunft, wie denn vor allem mittelständischen Unternehmen der Weg zur Aktiengesellschaft geebnet und die Aktie bei den deutschen Sparern noch attraktiver gemacht werden könnte.

Noch wartet das Justizministerium, das im Auftrag der Bonner Regierung den Fragenkatalog verschickt hatte, auf die meisten Antworten. Wirtschaft und Banken möchten nämlich möglichst mit einer Stimme sprechen und haben den Deutschen Industrie- und Handelstag (DIHT) mit der Rolle eines Koordinators der Antworten beauftragt.

Zumindest in Bankenkreisen hat aber eine Frage für Diskussionen gesorgt. "Empfiehlt sich eine Herabsetzung des Mindestnennbetrages der Aktie auf zehn Mark?" will das Ministerium wissen. Seit der letzten Reform des Aktiengesetzes im Jahr 1965 liegt dieser Mindestnennwert bei fünfzig Mark; mit diesem Betrag ist der Inhaber einer Aktie am Grundkapital beteiligt. Beträgt dieses zum Beispiel eine Million Mark, kann eine Aktiengesellschaft also höchstens 20 000 Aktien à fünfzig Mark ausstellen. Zu unterscheiden ist dieser Nennbetrag oder Nominalwert vom Marktwert – dem Börsenkurs – einer Aktie, der hängt ausschließlich von Angebot und Nachfrage an der Börse ab.

Warum das Ministerium eine solche Frage überhaupt gestellt hat, wird klar, wenn man einen Blick auf den deutschen Kurszettel wirft. Eine Aktie von Allianz, Daimler, Porsche oder der Aachener Münchener Versicherungsgruppe kostet zum Beispiel nach vier Jahren Hausse inzwischen weit über tausend oder gar zweitausend Mark. Sie sind damit für den Kleinanleger beinahe unerschwinglich geworden, vermutet das Justizministerium. Man müsse also nach Wegen suchen, den Preis der deutschen Aktien optisch zu verringern.

Eine Herabsetzung des Nominalwertes wäre da eine elegante Lösung. Bei einem Nennwert von zehn Mark gäbe es fünf neue Aktien für eine alte Fünfzig-Mark-Aktie. Eine neue Daimler-Aktie kostete dann statt den heutigen 1300 Mark nur noch 260 Mark, für eine "Siemens" müßten Anleger nicht mehr gut 600 Mark, sondern nur noch rund 120 Mark ausgeben.