Eine Pyramide aus drei Punkten, das Symbol für "Ruine", bezeichnet auf den Karten den höchst vitalen, von Lebenskünstlern bewohnten und von Zehntausenden besuchten Ort Bussana Vecchia auf einem Hügel an der Riviera di Ponente. Wie in ähnlich gelegenen Nestern am Mittelmeer wird hier gemalt und getöpfert, gehäkelt und verhökert, geschmaust und geschmust. Dennoch: Mehr als drei Kartenpunkte stehen dem zwischen Autostrada und Via Aurelia gelegenen Weiler San Remos nicht zu. Denn vor nun schon fast einem Jahrhundert, am frühen Morgen des 23. Februar 1887, ließ eine seltene Form von Erdbeben, ein "terremoto" mit vertikalen Stoßwellen, gerade dieses – und nur dieses – schon rund tausendjährige Dörfchen einstürzen. Etwa sechzig Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, fanden dabei den Tod.

Die Überlebenden richteten sich in den Trümmern ein, darauf wartend, daß die Behörden entweder den Wiederaufbau oder die Umsiedlung finanzieren würden. Um die Jahrhundertwende hatte die Grundstücksspekulation gesiegt, ein Bussana Nova wurde an die letzte Hügelflanke vor dem Mittelmeer geklebt, gleichzeitig "verschwanden" Häuser und Grundstücke des alten Ortes auf mysteriöse Weise aus dem Kataster der Provinzhauptstadt Imperia.

Das Adlernest mit dem Attribut "vecchia", fortan Wind und Wetter preisgegeben und schnell überwuchert, wurde zur Gespensterkulisse, die nur böse Erinnerung heraufbeschwor.

Kurz nach dem letzten Krieg machten Schmugglerbanden das vermaledeite Ruinendorf zur wichtigsten Station ihrer lichtscheuen Geschäfte mit dem nahen Frankreich. Erst Ende der fünfziger Jahre, nach mehreren Aktionen der Carabinieri, konnten die Banditen vertrieben werden. Um ihnen die Rückkehr zu vermiesen, ließen die Behörden außerdem weitere Gewölbe und Treppen demolieren.

Mit einem ganz anderen Bewohnertyp, der sich durch ein paar Trümmer mehr oder weniger nicht abschrecken ließ, hatten sie wohl kaum gerechnet. 1959 gründete ein gewisser Clizia eine "Internationale Künstlerkolonie", die mit Konzerten und Ausstellungen neues Leben in die Ruinen trug. In den siebziger Jahren folgten vor allem "germanische" Hippies, gleichzeitig faßten einheimische Alternative und Kunsthandwerker Fuß. Hausbesetzer und Instandbesetzer allesamt – aber diese zutreffenden Vokabeln sollten ja erst später geprägt werden. Dem Instandbesetzer wurden allerdings sehr bald Grenzen gesteckt. Den hier mit allerlei Gewerbe Seßhaftgewordenen ging nämlich auf: Nur wenn sie den poetischen Reiz der Stätte, also das Zerstörte, unzerstört erhalten konnten, würde die Attraktion fortdauern, würden Touristen kommen, die ihnen das Leben in Bussana Vecchia erst ermöglichten. Eine nicht so pragmatisch-gefühlvolle "invasione tedesca", so weiß die neue, ungeschriebene Dorfchronik zu berichten, wurde ebenso abgeschlagen wie ein Rückeroberungsversuch der – rechtlos gewordenen – "Emigranten" aus Bussana Nova. Schließlich fanden alle Gruppen einen Konsens.

So ist Bussana Vecchia nach wie vor ein Dorf, das es offiziell nicht gibt, mit Einwohnern, die legal nicht existieren, folglich auch keine Steuern zahlen. Wohl aber entrichten später Eingetroffene "Miete" oder "Pacht" an einige Erstbesetzer. Andere "verkaufen" ungestraft Mauern, die ihnen nicht gehören, zu deftigen Riviera-Preisen. Wem aber gehören sie, wenn nicht ihnen oder den Käufern? Behörden und Gerichte sind, da es ja kein Grundbuch mehr gibt, gegen soviel Spiegelfechterei machtlos. Nun aber haben die neuen "Bürger" des alten Bussana wohl selbst den lange vermiedenen, lange gefürchteten Normalisierungsprozeß eingeleitet, der mit der Anlage eines neuen Katasters enden kann. Auf ihre Bitten wurden zu einigen der Ruinen Wasser, Strom und Telephon gelegt – die Post allerdings wird noch immer "restante" im neuen Bussana abgeliefert.

Tief unten im Tal blinken die weißen Totenhäuschen des Friedhofs mit den Nelkentreibhäusern um die Wette. Von dort unten sieht das geisterhafte Dorf fast heil aus. Erst aus der Nähe enthüllt sich die irreale Realität. Da ragt gleich neben der teuren, dem Türbogen angepaßten Glastür vor einer pinkgestrichenen Boutique ein Ofenrohr in die enge Gasse. Denn der Schornstein darf nicht wiederaufgebaut werden – so will’s die stille Übereinkunft. Respektiert werden auch die beiden Kirchen.