Von Roland Kirbach

Bochum/Dortmund

Mit zitternder Stimme sagt die 74jährige Frau dem Fernsehreporter ins Mikrophon: "Mich kriegen se nur mit der Polizei raus." Ein Leben lang habe sie hier in der Bochumer Zechensiedlung "Lothringen" gewohnt. Ihr Mann, 77 Jahre alt, ist schwer bergbaugeschädigt. "Sollen wir denn jetzt ins Altersheim?" fragt die Frau, den Tränen nahe.

Angst und Verunsicherung machen sich breit, in Bochum und anderen Städten im Revier. Die Bewohner der Bergbausiedlungen fürchten, aus ihrer angestammten Umgebung vertrieben zu werden. Bereits vor einiger Zeit haben die Zechengesellschaften begonnen, die Häuser zu verkaufen.

Der Grund: Ende 1988 läuft der sogenannte Bergmannswohnungsvertrag aus. Er ist Bestandteil des Ruhrkohlevertrags von 1969. Damals, als die Ruhrkohle AG (RAG) gegründet wurde, brachten die alten Zechengesellschaften wie Mannesmann oder Krupp ihre größtenteils defizitären Produktionsbetriebe in die RAG ein; ihre Grundstücke, und Bergmannswohnungen behielten sie jedoch.

Um die Bergarbeiter weitgehend unabhängig vom freien Wohnungsmarkt zu machen, setzte die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie (IGBE) damals den Bergmannswohnungsvertrag durch, in dem Sozialbindungen vereinbart wurden, die über den allgemeinen Mieterschutz weit hinausgehen. So durften die Altgesellschaften über ihre Wohnungen fortan nicht mehr verfügen, das sogenannte Bewirtschaftungsrecht erhielt die Ruhrkohle AG. Über die im Montanbereich geltende paritätische Mitbestimmung erlangten so die Betriebsräte ein gewichtiges Mitspracherecht, was die Belegung oder Instandhaltung der Wohnungen betrifft. Die Mieten wurden auf sehr niedrigem Niveau festgeschrieben und dürfen nur in dem Umfang erhöht werden, wie die Kosten der Bewirtschaftung steigen. Auf frei werdende Wohnungen haben Familien von Bergleuten oder deren Hinterbliebene vorrangig Anspruch. Und solange der Wohnungsvertrag gilt, genießen die Mieter Dauerwohnrecht. Rund 60 000 Wohnungen werden von diesen Regelungen erfaßt.

Viele der Altgesellschaften signalisieren bereits seit Jahren, daß sie einer Verlängerung dieses Vertrags über 1988 hinaus nicht zustimmen werden. Sie möchten die Wohnungen und Grundstücke verkaufen und den Erlös in ihre zum Teil angeschlagenen Stahlbetriebe stecken. Seit Beginn der achtziger Jahre sind sie dazu übergegangen, die Bergmannswohnungen zu "privatisieren", das heißt, sie den derzeitigen Mietern zum Kauf anzubieten. Zwar müssen die Mieter sich darauf nicht einlassen, aber nach 1988, mit dem Ende des Bewirtschaftungsvertrags, können die Muttergesellschaften die Wohnungen auf dem freien Markt veräußern. Und dann drohen den Bewohnern drastische Mieterhöhungen, oder sie werden von den neuen Eigentümern auf die Straße gesetzt.