ARD, Dienstag, 10. Juni: "Fridolin", eine literarische Filmerzählung von Richard Blank

Die Besitzerin des Grand Hotels "Esplanade" (stolz von Hannelore Schroth gespielt) schreitet durch die Räume ihres Nobeletablissements wie eine leicht gebrechliche Di/a. Dieser Gang scheint eine Art Zeremoniell: Sie macht die Runde unter ihren Gästen. An diesem Abend aber geht sie aufrecht durch ein leeres Haus. Das Stubenmädchen löscht mit einem nassen Tuch eine kleine Feuerstelle an der Wand. Solche kleinen Brände gibt es viele in diesem Hotel. Im leeren Speisesaal ist trotzdem festlich gedeckt. Aber für wen? "Madame hat gesagt, es gibt keine Menschen mehr", gesteht Anna, das Stubenmädchen, in Richard Blanks neuem Film "Fridolin". Draußen muß eine schreckliche Katastrophe passiert sein, ein schwerwiegender Reaktorunfall vielleicht.

Da betreten plötzlich zwei Menschen das Hotel, die beiden letzten möglicherweise. Graf von Paaten und seine Fremdsprachensekretärin Vera sehen zerrupft aus, verdreckt, gebeutelt. "Wir haben reserviert", sagt der Graf. Das ist der alte Stil. Die Lady lächelt voll Nachsicht und Glück und belohnt ihn mit einem "Wie war die Reise?". Jeder sieht, daß der Graf auf der Flucht ist, dem Tod gerade noch entkommen, aber er hat sich entschlossen, die Gesellschaftsspiele vom Tag davor weiterzuspielen. Graf Paaten und Vera begeben sich durch das brennende, allmählich einstürzende Hotel in den Goldenen Salon. Vor dem Abendessen macht man Konversation: "Die Erde war – mit Verlaub gesagt." "Nicht unbedingt, I wouldn’t say", entgegnet der in fremde Sprachen verliebte Graf. Das Dienstmädchen hat inzwischen alle Hände voll zu tun, die Brandherde unter Kontrolle zu halten. "Wir wollen nicht verzagen", sagt der Graf und bricht mit dem Fuß im Boden ein.

Richard Blanks satirische Komödie über die letzten Tage der Menschheit vor ihrem Strahlentod wurde vergangenen Herbst uraufgeführt. Binnen weniger Monate, noch vor dem Sendetermin des Fernsehens, hätte die Wirklichkeit die Satire fast eingeholt. Diese Menschen im Grand Hotel, diese Meister der Verharmlosung, sind wir. Das hätten wir vor acht Monaten nicht gedacht.

Die unverbesserlichen Optimisten sind in Blanks Film in der Mehrheit. Man beginnt im Hotel "Esplanade" mit dem Wiederaufbau der Welt. "Wir haben dieses Land immer wieder aufgebaut", beteuert die Hotelbesitzerin. Mit einem Kupferdach plant der Graf die gesamten Zimmerfluchten des westlichen Flügels zu verschönern. Dabei werden die schwarzen Flecken, Folgen der Strahlenkatastrophe, an seinem Körper immer größer. Über Oberkellner Fridolin (gespielt von Eisi Gulp), der sich beim Servieren als perfekter Artist gefällt, sagt er: "Der hat ’nen Hoffnungstick, so einen hab’ ich schon einmal kennengelernt."

In diesem Moment spielt auch Richard Blank beim großen Optimistenspiel mit (und ironisiert es). Er läßt Fridolin, der eine riesige Torte stemmt, durch sämtliche Stockwerke des Hotels stürzen und unverletzt in einem Bett landen. Man sieht deutlich, daß er den Sturz nur überlebt hat, weil es sich in einer richtigen Kintopp-Katastrophe so gehört.

Schon singt Fridolin mit Vera, in die er sich verliebt hat, ein Operettenduett: "Meine Liebe, deine Liebe". Dann steigt er mit ihr in ein brennendes Ruderboot und fährt in Richtung Rom davon.