Genießet, was Euch beschieden ist. Nach getaner Arbeit verbleibt im Kreise der Eurigen, bei den Eltern, bei der Frau und den Kindern und sinnt über Haushalt und Erziehung. Das sei Eure Politik, dabei werdet Ihr frohe Stunden erleben. Aber für die große Landespolitik erspart Euch die Aufregung. Höhere Politik treiben erfordert mehr ... Einblick in die Verhältnisse, als dem Arbeiter verliehen ist": Sätze aus einer Rede vom Jahre 1877. Worte des Unternehmers Krupp an die Angehörigen seiner gewerblichen Anlagen. Die Kampfansage eines Patriarchen, gerichtet an die Adresse sozialistischer Friedensstörer: Oben hat oben und unten hat unten zu bleiben, so will es die Ordnung, das Gesetz. Wehe den "Verfechtern der neuen Lehre für die Glückseligkeit der Völker", wehe dem Gemeinwesen, das ihren Sirenenrufen erliegt!

Ein Manifest aus unaufgeklärter Zeit? Vielleicht. Eine Rede, die nur noch als historisches Dokument von Wichtigkeit wäre? Mitnichten. Man studiere die Verlautbarung des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, erlassen im Hinblick auf das Wahlprogramm der Grünen: "Verwirrung der Geister", "ideologische Indoktrination", "Staatszerstörung" – Alfred Krupps Verteufelung der Verneiner und Veränderer da unten feiert fröhliche Urständ, die autoritären Muster der Erlasse sind, These für These, vergleichbar; Angst vor dem Volk, das, auf Selbstbestimmung pochend, eine Republik wünscht, seine Republik, bestimmt, mutatis mutandis, die Sätze der um Erhalt ihrer Privilegien bedachten Regenten damals und heute.

Sobald es um Macht geht, wird Moral zu einer Kategorie zweiten Grades: Schutz des ungeborenen Lebens, Anzeichen für ein zweites Hiroschima? Alles vergessen, plötzlich, im Zeichen von Tschernobyl! Der Fortschritt, heißt es von katholischer Seite, habe nun einmal seine Risiken.

Nur keine Unruhe, bitte sehr, so die Devise, nur kein Grollen tief unten im Volk: Wir, die Oberen und unsere Glaubenswalter, haben die Dinge im Griff. So klang es und so klingt es, aus Bonn, in diesen Wochen. "Für die große ... Politik erspart euch die Aufregung"; die gemessenen Werte sind prächtig, die Furcht, so gut wir sie verstehen, durchaus unbegründet, Normalisierung überall, Entschädigung ohnehin, Überprüfung auch – alles in Ordnung.

Und dabei herrscht in Wahrheit, wie kritische Resümees immer deutlicher machen, in den Leistungsgrenzen die totale Ratlosigkeit, fehlen Beurteilungskategorien, pfeift Hänschen im Wald, grad so, als sei durch entschlossenes Lippenspitzen ein Mehr an Sicherheit zu gewinnen. Und nirgendwo einer, der die Courage hat, sein Nichtwissen einzugestehen und, gleich weit entfernt von Panik und Hybris, in vernünftiger Rede Schlüsse zu ziehen: discite moniti, lernt, Bürger, gemeinsam mit uns, die wir allesamt belehrt worden sind.

Statt dessen schließt man die Augen und bedroht die Wachsamen: Angstmacher! Eschatologen vom Dienst! Das vertraute Schauspiel: Je unreflektierter, nach der Wende, je pompöser und phrasenhafter der Verlautbarungsstil ("dabei werdet Ihr frohe Stunden erleben"), desto illiberaler das Verhalten denjenigen gegenüber, die, diesen Stil durchschauend, die Geschichte von Kaisers Kleidern, vom nackten Regenten und dem fröhlichen Kind, das ihn entlarvt, weitererzählen. Kritik, präzise Analyse der herrschenden politischen Unkultur? Nicht gerade gefragt, heutzutage. (Aus verständlichen Gründen.) Satire? Um Gottes willen, nur die nicht! Kaustischer Witz, Sottisen im Dienst der Aufklärung, ironische Preisgabe einer Macht, die sich nur noch durch sich selbst zu legitimieren versteht? Papperlapapp! Schluß, aus und vorbei!

"Genießt, was Euch beschieden ist" – das Verordnete also, das dem Bürger von oben her Zugemessene, den Feller, aber bitte nicht den Hildebrandt, diesen Kabarettisten, der um die Ecke denkt und die Leute damit ständig verwirrt – einen Unbotmäßigen, der, an die Folgen von Tschernobyl denkend, sich um den bodenküssenden Papst sorgt und damit, dieser Allesverwirrer, frommer argumentiert als jene allerchristlichsten Autoren, die etliche Päpste, da sie Unflat, Pestilenz und Gestank seien, kurzerhand in die Hölle verwiesen.